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Montag, 20.02.2017
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Henriette Plaut

Henriette Plaut
Dr. Max Plaut
 
Goethestraße 13 (ehemals Kaiserstraße)
 
Henriette Plaut (geb. Katzenstein) war – wie Alexander Fiorino – im Sommer 1926 als Witwe mit einer Hausangestellten in das Haus Kaiserstraße 13 eingezogen. Sie stammte aus Borgentreich/Warburg in Westfalen, wo sie 1861 als Tochter eines Arztes geboren wurde. 1868 kam sie nach Kassel und heiratete 1883 den aus Witzenhausen stammenden Leopold Plaut, der als Siebzehnjähriger 1870 nach Kassel übergesiedelt war, mehrere Jahre für Siegmund Aschrott gearbeitet hatte und im Jahr der Eheschließung gemeinsam mit einem Verwandten seiner Frau, Otto Katzenstein, die Privatbank Plaut & Co gründete. Leopold Plaut „war ein tief religiöser Mann, der lange Gemeindeältester war und sich große Verdienste um die Kasseler Juden erwarb“ (Prinz). Er starb bereits 1907 und hinterließ die Kinder Käthchen (1884), Maximilian (1888) und Ernst (1894). Die offensichtlich florierende Privatbank Plaut & Co fusionierte 1908 mit dem Bankhaus J. C. Plaut & Co aus Eschwege zum Hessischen Bankverein. Auf dem Hintergrund gut laufender Geschäfte und der Ausdehnung seines Geschäftsbereiches erwarb der Bankverein 1911 für mehr als eine Million Reichsmark ein Grundstück auf dem Königsplatz und errichtete dort ein noch heute stehendes Gebäude, in dem sich nach seiner Fertigstellung 1912 auch das erste Großkino der Stadt und das Kaufhaus Wertheim befanden. Der Hessische Bankverein ging 1922 in der Commerzbank auf, die heute aber das Jahr 1908 als ihr Gründungsdatum in Kassel versteht. Am 4. April 1933 erfuhr der Leser der Kasseler Neuesten Nachrichten aus in einer Todesanzeige: „Mein geliebter Mann, unser guter Vati, unser guter Sohn und Bruder Herr Rechtsanwalt Dr. Max Plaut wurde uns am 31. März durch den Tod entrissen.“ Diese Anzeige verriet nicht, dass Henriette Plauts Sohn Max das erste Todesopfer des Nationalsozialismus in Kassel war. Er war am 24. März verhaftet und von SA-Leuten derart brutal zusammengeschlagen worden, dass er am 31. März an den Folgen starb. Bei der Beerdigung ihres Sohnes im engsten Familienkreis auf der ersten Grabstätte des neuen jüdischen Friedhofes in Bettenhausen musste Henriette Plaut die Überwachung der Trauernden aus dem Familienkreis durch die Polizei erleben. Henriette Plauts Schwiegertochter Elsa konnte zusammen mit ihren drei Kindern in ihre Heimat, die Schweiz, zurückkehren und zu Verwandten in Genf ziehen, obwohl Regierungs- und Polizeipräsident dies zunächst verweigerten. Sie bezweifelten unter anderem, dass „die Witwe Plaut überhaupt die Absicht hat, aus der Schweiz je zurückzukommen.“ „ Dass ihre Schwiegermutter, Frau Plaut geb. Katzenstein, hier in Kassel wohnhaft ist, kann demgegenüber nicht ins Gewicht fallen.“ Henriette Plaut hatte ihren Sohn verloren und war von einem Teil ihrer Familie in Kassel getrennt. Für ihre Kinder Käthchen, die Ludwig Katzenstein geheiratet hatte, und Ernst war der Mord an ihrem Bruder sicherlich ein entscheidendes Motiv, noch in den frühen 30er Jahren nach Palästina auszuwandern. „Kinderlos“ sollte Henriette Plaut in Kassel zurückbleiben. Sie bot in den folgenden Jahren mehrfach ihre Wohnung in der Kaiserstraße 13 als „Pension“ an für Familien, die kurz vor der Auswanderung standen und keine eigene Bleibe mehr hatten: so für den Zahnarzt Dr. Theodor Rothschild, seine Frau und zwei Töchter im Jahr 1934, den Rechtsanwalt Dr. Moritz Stern mit Frau und Sohn Anfang 1937 sowie für den Kaufmann Louis Löwenstein, seine Frau und seinen Sohn im Frühjahr 1938. Danach wurde ihre Wohnung überfüllt mit Zwangseingewiesenen, die aus ihren Wohnungen vertrieben worden waren, um Juden in möglichst wenigen Häusern zu konzentrieren. Henriette Plaut selbst vertrieb man im Januar 1942 aus dem Haus, wies sie in das israelitische Altersheim in der Mombachstraße 17 ein und verschleppte sie am 7. September 1942 im Alter von 81 Jahren von Kassel über Chemnitz nach Theresienstadt, wo sie bereits wenige Tage später, am 19. September, starb. Die Todesfallanzeige gibt als Todesursache beschönigend „Altersschwäche“ an.
Wolfgang Matthäus
 
Quellen
HStAM 165 / 3982 Bd. 10 |HHStAW Abt. 518 (Entschädigungsakten) |Stadtarchiv Kassel S17 Nr. 19
Literatur
Wolfgang Matthäus, Kaiserstraße 13. Geschichten vom jüdischen Leben und seiner Zerstörung im Vorderen Westen, in Kassel und der Region, Kassel 2014
Wolfgang Prinz, Die Judenverfolgung in Kassel, in: Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933-1945, Bd. 2: Studien, hg. von Wilhelm Frenz, Jörg Kammler und Dietfrid Krause-Vilmar, Fuldabrück 1987, S. 137ff.
[letzte Aktualisierung: 29.06.2016]