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Dienstag, 25.07.2017
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Lina Lewandowski und Dora Mosberg

Dora Mosberg
Lina Lewandowskis Sohn Herbert im Exil in Genf
 
Goethestraße 13 (ehemals Kaiserstraße)
 
Die beiden Schwestern Lina (Caroline) Lewandowski und Dora Mosberg zogen im Januar 1939 in der Kaiserstraße 13 ein. Sie waren Töchter des Agenten und Kaufmanns Julius Mecca, der wie seine Frau Olga aus Neiße an der Oder stammte. Dora Mosberg wurde 1877 geboren, ihre Schwester bereits zwei Jahre zuvor. Lina Lewandowskis ältester Sohn Herbert beschrieb in seinem „Schweizer Tagebuch eines Internierten“ 1943 seinen Großvater anlässlich seines 100. Geburtstages 1943. Deutlich wird das deutsch-jüdische Milieu, in dem Mutter und Tante aufwuchsen.
„Stets ist er mir gegenwärtig als eine Figur von faustischem Wissensdrang, dabei aber von der größten Heiterkeit und Ausgeglichenheit des Gemütes. Er war einer jener glücklichen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, die in langer Friedenszeit ihre materiellen und geistigen Schätze unaufhörlich mehren konnten. Gleichzeitig wussten sie sich eine große Eigentümlichkeit zu bilden. (…)
Was konnte ich als Kind diesen alten Mann nicht alles fragen! Er wusste und kannte alles, nichts war seiner Aufmerksamkeit entgangen. Er hatte nicht nur eine große Getreidehandelsfirma aufgebaut, sondern spielte auch wunderbar Klavier, kannte alle Opern und Werke der Kammermusik, war beschlagen in allen Klassikern, auch in der älteren Generation der Herder, Klopstock, Wieland – Jean Paul war sein Lieblingsdichter. Wie Goethe hatte er sich mit der Erdgeschichte beschäftigt, merkte überall seltene Steine auf, hatte eine interessante Sammlung versteinerter Fossilien, die er selbst gefunden hatte. Er kannte alle Sternbilder, alle Bäume, alle Pilze und sammelte aus seiner genauen Kenntnis heraus viele Sorten, die andere Leute stehen ließen, weil sie sie für giftig hielten. Er kannte das ganze Hessenland wie seine Tasche und schrieb auf seinem Sterbebette einen letzten Gruß an seine Heimat, ergreifender, wie ich ihn von irgend einem deutschen Dichter kenne. Jedem Quelle, jedem Hügel, jedem geliebten Ausblick sagte er aus einer großen Allverbundenheit heraus Lebewohl.
Mein Großvater war auch der erste wirkliche Europäer, den ich kennen lernte. Er sprach viele Sprachen und lernte noch im Alter unaufhörlich neue. Er hatte meine Mutter, als sie noch ein junges Mädchen war, mitgenommen nach Frankreich, um ihren Blick über die Grenzen hinauszulenken. Der Sohn seines besten französischen Freundes war der erste, der mir die Wege zu ebnen versuchte, als ich als Flüchtling nach Paris kam. Meine Mutter konnte voriges Jahr noch Briefe in sehr gewandtem Französisch meiner kleinen Tochter schreiben, die diese Sprache in Frankreich adoptierte.“
Lina Mecca heiratete 1895 den aus Hamburg stammenden Textilfabrikanten Jakob Lewandowski, dessen Unternehmen, die Wollwäscherei Katz und Sohn, am Rande der Stadt in Bettenhausen an der Losse lag. Ihr Sohn Herbert kam 1896 zur Welt, eine 1903 geborene Tochter starb bereits im Alter von 12 Jahren, nachdem seit 1911 auch die Zwillinge Hans Wolfgang und Paul zur Familie gehörten. Diese lebte die meiste Zeit in der Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße), ganz in der Nähe der Kaiserstraße 13. Die Eltern ermöglichten den Kindern, das Christentum näher kennen zu lernen. So begegnete der älteste Sohn auf einem Progymnasium dem Lehrer Reinhard, der „wundersame Geschichten“ erzählte, „darunter auch die Berichte des Alten und des Neuen Testaments, denn mein Vater war so weitherzig, dass er mich an der allgemeinen Erziehung fürs erste teilnehmen ließ. So lernte ich unseren Herrn Jesus genauso lieben wie die Erzväter, deren Namen mein Hamburger Großvater meinem Vater und seinen Brüdern gegeben hatte. Ich sah ihn als guten Hirten mit einem Lämmlein auf dem Arm, und so schloss ich ihn in mein Kinderherz. Auch die Legende der Weihnacht umspann mich mit all ihrem Zauber, und die gute Mutter versäumte es nicht, jedes Jahr einen wundervollen Christbaum zu schmücken und reiche Gaben im Namen des Christkindleins darunter zu legen. Mein erster Theaterbesuch galt auch einem Weihnachtsspiel: ‚Wie Klein-Elschen das Christkind suchen ging‘.“
Lina Lewandowskis Vater Julius Mecca starb 1915. Ihr Sohn Herbert wanderte 1923 in die Niederlande aus, heiratete dort seine christliche Frau Martha – eine Liebesheirat, die offensichtlich nicht traditionellen Erwartungen der Eltern entsprach, die eine Braut aus jüdischen Kreisen mit Mitgift im Auge hatten. In seiner „Lebensbeichte“ schreibt er:
„Papa nun hoffte, dass der Sohn würd‘ wählen
Ein Judenmädchen mit ‘nem Haufen Geld.
Ich wagte nicht dem Alten zu erzählen,
Dass bald ein Enkel käm‘ auf diese Welt.“
Er besuchte die Eltern das letzte Mal 1934 in Kassel und erinnerte sich später an einen Spaziergang, bei dem er seinen Vater auf dem Königsplatz davon abhalten musste, wütend auf eine Gruppe der Hitlerjugend loszugehen, die laut antisemitische Lieder sang. Seine Mutter Lina ging mit ihm noch einmal ins Theater. Den unheilbar kranken Vater sah Herbert Lewandowski ein letztes Mal 1935 bei dessen Besuch in den Niederlanden, als er sich für immer von ihm auf dem Bahnhof verabschieden musste. „Er reichte mir vom Fenster aus noch einmal die Hand, zog dann das Fenster herauf und verschwand. Und ich stand auf dem Bahnsteig und sagte mir stumm: ‚Dieser Mann war mein Vater, mein inniggeliebter Vater – er geht von mir fort, um allein, einsam zu sterben – und ich stehe hier tatenlos – und lasse den gehen, den mir niemals ein anderer Mensch ersetzen wird.‘ Noch heute wird es mir kalt und heiß, wenn ich an diesen Abschied im Oktober 1935 in Utrecht denke …“.
1936, im Todesjahr ihres Mannes Jakob, zog Lina Lewandowski mit ihrer einzigen Schwester Dora in eine gemeinsame Wohnung in der Hardenbergstraße.
Dora (Dorothea) Mosberg war 1877 geboren und hatte 1901 den aus Berlin stammenden Kaufmann Theodor Mosberg geheiratet, der 1929 starb. Das Ehepaar wohnte lange Zeit über gleichfalls im Vorderen Westen, und zwar in der Eulenburgstraße (Lassallestraße). Wie ihre Schwester Lina hatte Dora Mosberg die für eine bürgerliche Tochter im 19. Jahrhundert bestmögliche Bildung erhalten. Der Besuch der höheren Töchterschule und Kontakte der Familie verhalfen ihr zum Beispiel zu französischen, englischen und auch italienischen Sprachkenntnissen, wie sie auf ihrer Kennkarte 1939 angab, als sie bereits mit der Schwester in der Kaiserstraße 13 wohnte. Im August 1939 trennten sich beider Wege. Dora Mosberg zog vorübergehend nach Freiburg, kehrte aber bald darauf wieder in die Kaiserstraße zurück, wo sie bei der Familie Rosenbach wohnte. Wie diese wurde sie am 9. Dezember 1941 nach Riga deportiert, wo sie ums Leben gebracht wurde. Als man sie zur Zwangsverschleppung aus dem Haus abholte, war Dora Mosberg bereits ihres recht beträchtlichen Vermögens auf der Grundlage von Unrechtsgesetzen beraubt. Dazu zählten Geldanlagen von mehr als 100.000 RM, vom Vater Julius Mecca ererbte Grundstücke in Rothenditmold und auch die bei einer Spedition eingelagerte gediegene Wohnungseinrichtung, für die es schon länger keine Verwendung mehr gegeben hatte.
Lina Lewandowski gelang es noch im August 1939, kurz vor der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, nach Enschede in den Niederlanden auszuwandern, wo ihr bereits 1935 emigrierter Sohn Hans lebte. Für beide bedeutete aber die Flucht in das Nachbarland keine Rettung vor der tödlichen Verfolgung durch das NS-Regime. In Enschede sind an der Dahliastraat 51 Stolpersteine verlegt. Auf ihnen heißt es:
„hier woonden in die oorlog [Krieg] | Hans Wolfgang Lewandowski | Kassel, 10 February 1911 | Auschwitz, 28 February 1943 | Karoline Lewandowski-Mecca | Kassel, 2 February 1875 | Sobibor, 14 May 1943“
Den beiden anderen Söhnen blieb das Schicksal der Mutter und des Bruders erspart. Als diese beiden deportiert und ermordet wurden, befand sich Paul Lewandowski in den USA in Sicherheit, der bedeutende Literat Herbert Lewandowski in der Schweiz. Nach Deutschland zurückzukehren, kam für ihn nie in Frage. Gleichwohl besuchte er seine Heimatstadt oft – nicht zuletzt auf Grund einer Freundschaft mit dem Schriftstellerehepaar Brückner-Kühner. Eine Freundschaft, die sie auch auf den jüdischen Friedhof führte im Gedenken an den ermordeten Bruder und die ermordete Mutter.
„Er sucht den jüdischen Friedhof in K. auf; die Gräber sind eingesät, der Friedhof wird von der Stadt in Ordnung gehalten. Blumen wären ihm lieber, aber er kann sich die Kosten für den Gärtner nicht leisten. Das Postscheckkonto, das er noch lange Zeit in der Bundesrepublik unterhielt, wurde inzwischen wegen Geringfügigkeit aufgelöst. Der Regen hat die Grabinschrift ausgewaschen. Mit Pinsel und Farbe zieht er die Namen und Daten nach. Jacob L., 1860-1936, sein Vater; gestorben und begraben in K. Sieben weitere Gräber und eine Gedenktafel für Lina L.-Mecca, geb. 2.2.1875 und Hans L., geb. 10.2.1911; beide umgekommen in Polen: die Mutter und der jüngere Bruder. Die hebräischen Inschriften auf der Rückseite kann er nicht lesen“. So beginnt  Christine Brückners ‚Überlebensgeschichte‘ „Lewan, sieh zu!“. Herbert Lewandowski starb 1996 im Alter von fast hundert Jahren in Genf.
Wolfgang Matthäus
 
Literatur
Wolfgang Matthäus, Kaiserstraße 13. Geschichten vom jüdischen Leben und seiner Zerstörung im Vorderen Westen, in Kassel und der Region, Kassel 2014
 
Quellen
HHStAW Abt. 518 (Entschädigungsakte Dora Mosberg) | StadtA Kassel A5.55. Nr. 144, S1 Nr. 160 | www.joodsmonument.nl | Herbert Lewandowski, Das Märchen vom Monde, Cassel 1920 | Lee van Dovski, Schweizer Tagebuch eines Internierten, Spiez 1946| ders., Jugendtorheiten. Auswahl aus zwei 1919 und 1920 erschienenen Büchern, Genf 1961 | ders., Lebensbeichte, in: Geschichtswerkstatt am Friedrichgymnasium, Herbert Lewandowski - Lee van Dovski. Festschrift zum 92. Geburtstag, hg. von Peter Adamski, Kassel 1988 |ders., Kindheitstage in Kassel oder Traum und Trübsal in der Wolfsschlucht, in: ders., Abschiedsgruß. Erzählungen, Darmstadt 1983 | Schramm-Itzehoe, Im Malstrom der Zeit. Eine Darstellung des dichterischen Lebenswerks von Lee van Dovski, Darmstadt 1967 | Renate Heuer (Red.): Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Bd. 15, München 2007 | Christine Brückner, Lewan, sieh zu!, in: dies.: Überlebensgeschichten, Berlin 1973
[letzte Aktualisierung: 29.06.2016]