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Sonntag, 28.05.2017
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Flucht 1933 - Arno Stern und seine Eltern

 
Der 1924 in Kassel geborene, international renommierte Pädagoge und Forscher Arno Stern verbrachte einige Jahre seiner Kindheit im Vorderen Westen: seit 1927 in der Eulenburgstraße 19 (heute Lassallestraße), ab 1929 in der Auguste Viktoria Straße 17 (heute Breitscheidstraße), bevor die Familie bereits kurz nach der "Machtergreifung" nach Frankreich floh.
 
Arno Stern besuchte im Jahr 2000 zusammen mit seinem Sohn André die Stätten seiner Kindheit im Vorderen Westen. Das Foto oben zeigt ihn in der Breitscheidstraße 17 (dieses wie die anderen Fotos mit freundlicher Genehmigung von Arno Stern).
 
"Dein zweites Haus in der Eulenburgstraße (heute Lassallestraße) fanden wir wieder, und auch das Treppenhaus, die Tür mit der Verzierung aus Holz und Glasscheiben verschiedener Größen und Formen ... Auch fandest du die kleinste dieser Scheiben wieder, die Dein Vater eines Nachts einschlug, um die Tür zu öffnen, als Ihr den Schlüssel vergessen hattet. Kleine Begebenheiten, die damals so großen Eindruck auf Dich machten, dass Du Dich heute noch daran erinnerst."
aus: André Stern, An meinen Vater (über den Besuch in Kassel)
 
 
 

Kindheit und frühe Flucht

Isidor Stern
Marta Stern
Arno Stern auf dem Hindenburgplatz (Bebelplatz)
Isidor Stern als Soldat
Hochzeit in Eberbach
Kurz nach der Flucht in Mühlhausen
 
Arno Sterns Vater Isidor war 1895 in Schotten als Sohn frommer Juden geboren, hatte freiwillig im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient und war verwundet worden. Arno Stern schreibt über ihn und seine Familie: „Seine fromme Lebensweise musste er während des Krieges dem Soldatenleben opfern. Später – obwohl er seinem Glauben uneingeschränkt treu blieb – gab er manches Ritual auf: Zu Hause wurde noch koscher gegessen, aber die Tischgebete fielen aus, und nur die sogenannten hohen Feiertage wurden streng eingehalten.“  Über seine eigene Religiösität schreibt er heute: „Da wir unseres Judentums wegen verfolgt waren, stärkte sich in mir das Zugehörigkeitsgefühl zu meiner Religion, und so ist es noch heute; so dass ich sagen möchte: Ich bin ein religiöser Atheist oder, genauer gesagt, ein gottloser traditioneller Jude.“
1922 zog der Kaufmann Isidor Stern in die Karthäuserstraße 17 als Untermieter im Hinterhaus bei  Frau Horsch. Noch in der schwierigen Inflationszeit heiratete er 1923 die aus Eberbach stammende Marta David in ihrem Heimatort. Nach der Hochzeit führte er zusammen mit seinem Schwager zunächst die Firma Hornbein, die u. a. Kämme und Knöpfe herstelle, trat aber bald aus dem Betrieb aus und gründete, wie sich sein Sohn erinnert, eine Bausparkasse. Arno Stern kam 1924 zur Welt. Die kleine Familie lebte zunächst noch in der „Junggesellenstube“ des Vaters und durfte die Küche mitbenutzen, wohnte von 1927 bis 1929 weiterhin als Untermieter in der Eulenburgstraße 19 (Lassallestraße), ehe sie schließlich eine eigene Wohnung in einem Neubau in der Auguste-Viktoria-Straße 17 (Breitscheidstraße) beziehen konnte. Arno wurde 1930 in die heutige Herkulesschule eingeschult, bestritt den Schulweg zu Fuß und erinnert sich noch heute an so manche Einzelheit aus dem Vorderen Westen wie den kleinen Ziergarten des Hausbesitzers vor der Lassallestraße 19 oder den kleinen Laden in der gleichen Straße, in dem er mit seinem Körbchen Mehl und Zucker einkaufte und wo er im Jahr 2000 ein Antiquariat vorfand.
Seine glückliche Kindheit in Kassel endete abrupt, nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gekommen waren. Deren brutale Machtergreifung in der Stadt, die sich gegen politische Gegner und Juden richtete, bewog seine Eltern schon im April, ins schützende Ausland zu fliehen. Daran erinnert sich Arno Stern so: „Mein Vater war so klug, die Gefahr, die auf uns lauerte, sofort zu erkennen und so flüchteten wir schon im April 1933 aus dem III. Reich. Von den ersten Misshandlungen wusste mein Vater, insbesondere von dem, was mit Dr. Dalberg und Plaut  geschah, und es scheint mir wichtig Ihnen etwas diesbezüglich mitzuteilen:
Wir wohnten im ersten Stock in dem Neubau der damals so heißenden Auguste-Viktoria-Straße N°17. Im gleichen Haus, im Erdgeschoss wohnte die Familie Elsässer. Der Mann war ein SA-Häuptling, der jeden Morgen von einer Gruppe uniformierter SA-Männern abgeholt wurde, an deren Spitze er stadteinwärts abmarschierte. Dieser Herr Elsässer war irgendwie meinem Vater verpflichtet und hatte ihm gesagt: ‚Wenn Sie jemand bedrohen sollte, klopfen Sie bloß auf den Fußboden, ich komme dann sofort 'rauf und schütze Sie!‘ Er hat auch meinem Vater gesagt: ‚Morgen holen wir uns den Dr. Dalberg und den Opens external link in new windowDr. Plaut, um sie tüchtig zu verprügeln!" Mein Vater ging noch am selben Abend zu ihnen, die er gut kannte, und warnte sie; aber sie nahmen die Mittteilung nicht ernst und sagten: ‚Mir als anerkannter Frontkämpfer kann doch nichts passieren!‘ Opens external link in new windowDr. Dalberg flüchtete später nach Holland, von wo der deportiert wurde.
Als die SA-Leute im Büro erschienen, um ihre Opfer mitzunehmen, ist der andere Rechtsanwalt (ich glaube, dass er Levy hiess) aus dem hinteren Fenster in den Hof gesprungen und dadurch entkommen. Das erzählte mein Vater meiner Mutter und mir kurz vor unserer Flucht, als ich 9-Jährig war. Wir hinterließen die Wohnung und fuhren mit einem Bekannten in einem gemieteten Auto zu den Grosseltern nach Schotten, wo mein Vater nur eine Nacht verbrachte, bevor er an die französische Grenze weiterfuhr. Er entschlüpfte dem deutschen Zollbeamten, der in seinem Amt-Zimmer Handschellen holte, in dem er über die Schranke sprang, und so war er schon auf französischem Boden, als der andere ihn festnehmen wollte. Meine Mutter folgte ihm einige Tage hernach über die Grenze bei Basel, und ich wurde einen Monat später von einer Tante an die Grenze gebracht.“ (Brief von Arno Stern, 11.11.2015 an W. Matthäus)
Wenige Wochen nach der Flucht der Familie fand das gesamte Inventar der Wohnung bei einer Versteigerung neue Besitzer, aus der Schule war Arno plötzlich verschwunden.
Eltern und Sohn waren entkommen – anders als die allermeisten aus ihrer Verwandtschaft. Dazu schreibt Arno Stern: „Den meisten der lieben dort Verbliebenen scheint kein Engel ins Ohr geflüstert zu haben: ‚Steht auf, lasst alles zurück, rettet euch!‘ Eltern und Geschwister, Onkel, Tanten, Vettern und Kusinen … ließen sich  entwürdigen, foltern, verbrennen, weil sie glaubten, nirgendwo anders als im Lande Goethes, Schillers und Beethovens leben zu können – in ihrer Heimat, unter dem höchstkultivierten Volk der Erde. Dieses Erbe hing schwer an ihnen, versperrte den Weg in eine nackte Zukunft. In ihrem tiefsten Inneren galten wir damals als Ausreißer – ich hätte fast gesagt als Fahnenflüchtige.
Es wurde ihnen sehr bald erspart, darüber weiter nachzudenken, ihre Unbeholfenheit zu bereuen oder gar zu verwandeln, denn keiner von ihnen hat Hitlers Gaskammern überlebt. Nur auf einigen verblichenen Fotografien ist noch etwas von  ihnen erhalten geblieben.“
(Zitate aus: Arno & André Stern, Mein Vater mein Freund)
 
 

Exil

Familie Stern mit Bauern, die sie in der Nähe von Valcence versteckten.
Vater und Sohn im Lager Büsserach
Arno Stern (helle Kleidung) im Arbeitslager Bonstetten
Arbeit mit Kindern in einem Heim für Kriegswaisen
Malspiel im Malort
 
Die kleine Familie gelangte zunächst nach Mühlhausen, 1934 musste sie das Grenzgebiet verlassen und lebte in Montbéliard. Mit dem Kriegsausbruch diente Isidor Stern freiwillig in einem Hilfsdienst der französischen Armee. Seit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Frankreich waren Mutter und Sohn auf der Flucht in den Süden und entgingen nur knapp der Verhaftung, später folgte ihnen der Vater nach Valence, wo die Familie eine Zeit lang in extremer Armut und ständiger Unsicherheit und Angst wohnte. Einer Verhaftung entging sie durch die Flucht in die Berge und lebte versteckt zunächst bei einem Holzhändler und dann einem Bauern, bevor es ihr 1943 auf abenteuerliche Weise gelang, in die Schweiz zu kommen. Hier war sie – meist getrennt - drei Jahre lang in verschiedenen Lagern interniert, bevor sie 1946 wieder nach Montbéliard zurückkehren konnte.
Arno Sterns Leben nahm eine entscheidende Wendung, als er mit 22 Jahren 1946 eine Stelle in einem Heim für Kriegswaisen in einem Pariser Vorort annahm. „Er sollte die Kinder beschäftigen. Er ließ sie malen und begriff sofort die Wichtigkeit dieses Spieles, vorausgesetzt, daß es unter geeigneten Bedingungen geschieht. Er erfand dafür eine besondere Einrichtung, die bis zum heutigen Tage weiterbesteht: den Malort, mit den schützenden Wänden und dem Palettentisch.“ So in seiner offiziellen Opens external link in new windowBiografie (2015). Und dort weiter:  „In den 50er Jahren richtete Arno Stern im damals berühmten Pariser Viertel von Saint-Germain-des-Prés ein Malatelier für Kinder ein, das großes Aufsehen erregte und 33 Jahre lang am gleichen Ort unter dem Namen "Académie du Jeudi" bestand. Dann verlegte er es in ein noch zentraleres Viertel, in die Nähe der Madeleine, und gab ihm den Namen Closlieu. Als deutsche Bezeichnung dafür schuf er die Bennennung Malort.
Sozusagen alle Medien haben von der originellen Einrichtung Arno Sterns berichtet. Nicht nur in französischen Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch in Publikationen in vielen anderen Ländern sind Artikel, Reportagen, Interviews über seine Arbeit sowie Aufsätze von ihm selbst erschienen.
Arno Stern wurde als Experte der UNESCO zum ersten internationalen Kongress über Kunsterziehung in Bristol delegiert. Er nahm in der Folge an zahlreichen Symposien teil und gastierte als Referent in vielen Universitäten, Museen, Bildungs- und Ausbildungsstätten. Er wurde beauftragt, in zwei bedeutenden Pariser Spitälern Ateliers einzurichten, und arbeitete lange Zeit mit psychisch kranken Kindern und Erwachsenen. Von Arno Stern ausgebildete Mitarbeiter führten diese Arbeit auch in Schulen, Pflegeheime, Kulturzentren ein. 10 Jahre lang leitete er eine Ausbildungsstätte (EPREC) in Räumlichkeiten, die ihm die Pariser Stadtverwaltung zur Verfügung stellte. Er nahm dort Studierende aus vielen Ländern auf. Regelmäßig finden in verschiedenen Ländern Einführungsseminare und gründliche Ausbildungskurse statt. So hat Arno Stern im Laufe der letzten 30 Jahre Hunderte von Malortbetreuern herangebildet.“
 
Quellen und Literatur
Arno & André Stern, Mein Vater, mein Freund - das Geheimnis glücklicher Söhne, München 2011
Stadtarchiv Kassel, Meldekartei
Brief von Arno Stern vom 11.11.2015
 
 

Ausgewählte Veröffentlichungen von Arno Stern

 
Der Malort. Mit Eléonore Stern (Bilder), Einsiedeln (Schweiz) 1998
Die natürliche Spur. Wenn die Mal-Lust nicht zu Werken führt, Freiburg 2001
Das Malspiel und die natürliche Spur. Malort, Malspiel und die Formulation, Klein Jasedow 2005
Die Expression. Der Mensch zwischen Kommunikation und Ausdruck,  Zürich 1994 und Eschborn 2008
Arno & André Stern, Mein Vater, mein Freund - das Geheimnis glücklicher Söhne, München 2011
(als Hrsg.): Herbert Kalmann: Erinnerungen an Europa. 1933 – 1949, Magdeburg 2012
Wie man Kinderbilder nicht betrachten soll, München 2012
Die Spur. Gewesenes Kindsein, Magdeburg 2014
Das Malspiel und die Kunst des Dienens. Die Wiederentdeckung des Spontanen, Klein Jasedow 2015
 
 
[letzte Aktualisierung: 29.06.2016]