Sie befinden sich hier: Hauptmenü / Jüdisches Leben / R. R. Geis - der letzte Rabbiner
Dienstag, 25.07.2017
Mit dieser Erklärung können Sie Mitglied werden

Download Faltblätter

Dr. Robert Raphael Geis

Robert Raphael Geis 1935 (Nachlass Geis im Leo Baeck Institute New York)
Herkulesstraße 2, der letzte Wohnsitz.
 
 
Der Rabbiner, Theologe und Pädagoge wohnte in seiner Kasseler Zeit von Juni 1937 bis April 1938 in der Opens internal link in current windowQuerallee 21, danach bis Januar 1939 in der Herkulesstraße 2.
 
„Sollte man mich zwingen wollen, mein Deutschtum von meinem Judentum zu trennen, so würde ich diese Operation nicht lebend überstehen.“
 
Nach dem Ende der Amtszeit des seit 1919 amtierenden Rabbiners Dr. Gotthilf Walter im Jahr 1936 wurde 1937 der einem liberalen Judentum verpflichtete Dr. Robert Raphael Geis als Rabbiner berufen. In diesem Amt war er Landrabbiner für den Bereich des ehemaligen Kurfürstentums Hessen, Provinzial-Rabbiner für den Bezirk der ehemaligen Provinz Niederhessen und Gemeinde-Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Kassel.
Hochzeitsfoto der Eltern von R. R. Geis (Leo Baeck Institute New York)
Einführung des neuen Rabbiners (Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck, 25.6.1937)
Anzeige aus der gleichen Zeitung
Sederfeier im Israeltischen Waisenhaus in Kassel
Jüdische Männer, die in den Tagen nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 verhaftet wurden, müssen in Blöcken Appell stehen. Scheinwerfer beleuchten den Appellplatz. Foto: Erkennungsdienst KZ Buchenwald. Foto: United States Holocaust Memorial Museum, Washington
Dankschreiben der Israelitischen Gemeinde Kassel (Nachlass Geis, Leo Baeck Institute New York)
 
 
Am 4. Juli 1906 in Frankfurt/Main geboren, war Geis in einem wohlhabenden assimilierten jüdischen Elternhaus aufgewachsen. Der fromme Großvater vermittelte ihm die Hinwendung zum Judentum und die Nähe zum synagogalen Geschehen, sodass früh – entgegen den Vorstellungen seines Vaters - der Berufswunsch entstand, Rabbiner der jüdischen Reformbewegung zu werden. Geis studierte ab 1925 an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, parallel dazu aber auch an der Berliner Universität Neuere Geschichte  – ein Zeichen dafür, dass er sein deutsches Erbe genauso ernst nahm wie sein jüdisches. Zu seinen Lehrern zählten vor allem der von ihm bewunderte Opens external link in new windowLeo Baeck,Opens external link in new window Martin Buber und Opens external link in new windowFranz Rosenzweig. 1930 promoviert Geis zum Dr. phil. an der Universität Köln mit einem historischen Thema. Er entwickelte eine kritische Grundhaltung gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft und sympathisierte mit sozialistischen Gedanken.
1932 legte er die wissenschaftliche Rabbinatsprüfung in Berlin ab und trat noch im gleichen Jahr das Amt als Jugendrabbiner in München an. Nach ständigen Differenzen mit dem dortigen, konservativ orientierten, bayerisch-weiß-blauen"  Vorstand der jüdischen Gemeinde ging er zwei Jahre später als zweiter Stadtrabbiner nach Mannheim, ehe ihn die Kasseler israelitische Gemeinde zum Landrabbiner berief.
 
Sein Wirken in Kassel seit Juni 1937 war geprägt von der Verfolgung seiner Gemeindemitglieder, die an keinem Tag sicher sein konnten, nicht verhaftet zu werden. Der Tageskalender des Rabbiners aus dieser Zeit vermerkt zahlreiche Besuche im Gefängnis und Zuchthaus sowie Unterredungen mit Rechtsanwälten (vgl. Prinz, S. 191). Geis bemühte sich vor allem auch "um die Wohlfahrt der ihm anvertrauten jüdischen Jugend (...) sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule", wie der Gemeindevorstand zu seinem Abschied 1939 schrieb. Die Kasseler Ostjuden, auch innerhalb der Gemeinde oft diskriminiert, bedankten sich zum gleichen Anlass bei ihm für sein Liebe zu Ihnen. So schrieb der Verband Polnischer Staatsbürger, Ortsgruppe Kassel, an ihn: "Wir werden es Ihnen nie  vergessen, wie Sie in ernster Stunde für uns eintraten, nach außen und vor allem auch überzeugend und mitreißend nach innen gegenüber den vielen Juden, die noch heute sich nicht als Einheit mit uns fühlen wollen. Begeistert und begeisternd haben Sie sich eingesetzt für unseres Volkes Zions-Idee und für die Einheit und Gleichberechtigung aller Teile unseres Volkes, auch der vorurteilsverfolgten Ostjuden, die Sie deshalb liebten wie einen der Ihrigen. Aufrichtig und unkonventionell, so wirkten Sie, so eroberten Sie die Herzen der Armen, und damit erfüllten Sie Ihr Werk" (Geis, S. 88)
 
Der Novemberpogrom 1938 hatte seine Tätigkeit beendet. Mit zahlreichen Männern wurde Robert Geis verhaftet und im Sonderlager im KZ Buchenwald inhaftiert. Unter der Bedingung, dass er Deutschland verlässt und sein Eigentum "arisiert" wird, entließ ihn die SS am 7. Dezember 1938. Im Januar 1939 verließ er Kassel und konnte der Verfolgung nach Palästina entkommen, das er 1935 auf einer Reise bereits kennen gelernt hatte, weil er seine Alijah, die Einwanderung in Palästina, plante Allerdings wurde bereits damals seine Sympathie für den Zionismus durch das ihn beunruhigende Verhältnis zwischen jüdischen Siedlern und der arabischen Bevölkerung etwas geschwächt.
 
 
Über seineOpens internal link in current window Hafterfahrung in KZ Buchenwald schrieb er später:
"Ich weiß, was ein KZ ist, wenn ich die Gaskammern auch nicht mehr gesehen habe. Und dennoch, ich kann nicht hassen. Wer sehenden Auges durch diese Zeit gegangen ist, hat eine Realität von Welt und Mensch erfahren, sie ist fürchterlich, so fürchterlich, daß es nur noch eine Reaktion geben kann – Erbarmen."
(zit. nach www.buchenwald.de/1214/)
 

Exil und Rückkehr

 
Dem liberalen, reformorientierten Rabbiner gelang es in Palästina nicht, in diesem Amt Fuß zu fassen oder eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Mitunter monatelang lebte er als „Logiergast“ bei dem aus Kassel stammenden Hans Mosbacher. 1943 heiratete er Margarete Kitzinger, die aber bereits kurz nach der Hochzeit starb. Erwerbsmöglichkeiten fand Robert Geis als Privatgelehrter, als freier wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hebräischen Universität und bei den Alliierten. 1945 heiratete er Susanne Herzberg, mit der er bereits 1946 nach Europa zurückkehrte.
Für diesen Entschluss war vor allem seine kritische Einschätzung der jüdischen Politik in Palästina entscheidend. Geis sah im Nationalismus (auch dem jüdischen) eine „Zeitkrankheit von unvorstellbarem Ausmaß“, war entsetzt über die herrschende Gewalt und einen jüdischen Chauvinismus. Das Entsetzen über die Realität dessen, wofür er sich eingesetzt hatte, war offenbar groß. Leopold Oppenheim, Rechtsanwalt und der letzte Vorsitzende des Provinzial-Vorsteheramtes der Israelitischen Gemeinde in Kassel, schrieb an ihn 1946: „Sie werden innerlich nicht mit der Enttäuschung fertig, die Ihr Erlebnis in Palästina Ihnen gebracht hat. Sie wollen nicht unter dem ‚Faschismus‘ leiden, möge er braun oder blau-weiß sein.“
Zu diesem Zeitpunkt war der letzte Kasseler Rabbiner nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in London in Zürich. Von dort aus  bewarb er sich in mehreren europäischen Ländern auf die Stelle eines Rabbiners. 1949 übernahm er eine solche Aufgabe bei der Emigrantengemeinde in Amsterdam. Von dort kam er 1950 nach Kassel, um bei der Einweihung des Gedenksteins für die jüdischen Opfer der Nationalsozialismus auf dem alten jüdischen Friedhof zu sprechen. 1952 konnte er endgültig nach Deutschland zurückkehren, als er das Amt des Landesrabbiners für Baden übernahm.
 
 
Einladung an Geis zur Einweihung des Denkmals (Nachlass Geis im Leo Baeck Instiute New York)
Dankschreiben von Geis (ebda.)
 

Rede auf dem jüdischen Friedhof 1950

 
Robert Geis, dessen Schwester und Neffe in Auschwitz ermordet worden waren, war zur Einweihung des Mahnmals der Stadt Kassel auf dem alten jüdischen Friedhof in Bettenhausen am 25.6.1950 eingeladen, dort eine Rede zu halten. Er führte u. a. aus:
 
„Gib, o Gott, dass in keines Menschen Herz Hass aufsteige!
Zu einer Stunde der Erinnerung sind wir hier zusammengekommen. Aber bedürfen wir dieser Stunde? Unser Leben ist ja bis in jede Stunde gezeichnet durch grausigste Erinnerungen. Und könnten wir unserem Schmerz überhaupt Ausdruck geben – nicht das Wort, der Schrei, der gellende Schrei wäre allein Ausdruck für unser Leid.
Sie haben mich, Ihren letzten Landesrabbiner, zu dieser Feier gebeten. Ich könnte hier auf diesem Friedhof durch die Gräberreihen gehen und von den Toten erzählen, von denen, die eines natürlichen Todes gestorben sind, von denen, die das Leben jener Jahre nicht mehr ertrugen und selbst Hand an sich legten, von denen, die in plombierten Särgen aus den Konzentrationslagern kamen. (…) Nur wer die Menschen gekannt hat, wer nicht hart und gefühllos gemacht wurde durch die infame Tatsache namenloser, nicht mehr fassbarer Millionen von Opfern, weiß um unseren Schmerz.“
Robert Geiss ließ seine Rede wiederum mit Teilen eines im Talmud überlieferten Gebets enden: „Gib, Ewiger, mein Gott und Gott meiner Väter, dass in keines Menschen Hass aufsteige gegen uns - und gegen keinen Menschen Hass in unseren Herzen aufsteige.“
 
 
Geis als Redner (Leo Baeck Instiute New York)

In Deutschland – nach der Shoah

 
Als Bundespräsident Theodor Heuss Robert Geis bat, als Repräsentant des deutschen Judentums zu wirken, antwortete ihm der frühere Kasseler Rabbiner: „Hier gibt es nichts mehr zu vertreten.“ (zit. nach Perels, S. 313) „Seine Hoffnung, an die deutsch-jüdische Tradition vor der Schoah anknüpfen zu können, hatte sich als Illusion erwiesen.“ (Zademach) Sein Vorschlag, angesichts einer untergegangenen Welt wenigstens an den Universitäten das Wissen um deren kulturelles Erbe durch die Errichtung von Lehrstühlen für jüdische Religion und Geistesgeschichte einzurichten, scheiterte. Er selbst fand fast zwei Jahrzehnte lang nicht einen von ihm ersehnten Platz in der universitären Lehre.
Als enttäuschend erwies sich für ihn auch seine Tätigkeit als Rabbiner. Den überwiegend aus Osteuropa stammenden Mitgliedern seiner jüdischen Gemeinden, die der deutschen Umwelt oft feindselig gegenüber standen, galt er als Repräsentant eines ihnen fremden, deutschen Judentums. Die Verrichtung von „Alltagsgeschäften“ eines Rabbiners, Kasualien und soziale Verpflichtungen,  drängten darüber hinaus die wegweisende Lehre zurück, auf die es Geis im Gegensatz zu seinen Gemeindemitgliedern wesentlich ankam. 1956 gab er sein Amt auf.
In einer umfangreichen publizistischen und Vortragstätigkeit seit der zweiten Hälfte der 50er Jahre ging es ihm darum, ein angemessenes Bild vom Judentum zu vermitteln – unter anderem mit seinem Buch „Vom unbekannten Judentum“.  Im Deutschland der Restaurationszeit unter Adenauer kämpfte er unermüdlich gegen das Verdrängen und auch gegen wieder aufkommende Erscheinungen des Antisemitismus.  Den christlichen Antijudaismus analysierte er gründlich. Zugleich misstraute er „dem modisch getragenen Philosemitismus“.
Sein wichtigstes Betätigungsfeld fand der jüdische Intellektuelle im christlich-jüdischen Dialog – vor allem im Rahmen der evangelischen Kirche. "R. Geis sucht(e) die Gemeinschaft mit Christen, weil er durch die Katastrophe des Nationalsozialismus die Chance zu einem neuen Verstehen zwischen Christen und Juden gegeben" sah (Zademach). Voraussetzung für eine solche Haltung war, dass Christen wie Opens external link in new windowDietrich Bonhoeffer oder Opens external link in new windowAlfred Delp Widerstand gegen den Nationalsmus geleistet hatten. Im Leitungskreis der Arbeitsgemeinschaft „Juden und Christen“ wurde Geis das tragende jüdische Mitglied. Im theologischen (und politischen) Diskurs war er maßgeblich daran beteiligt, dass sich theologische Positionen annäherten oder in Übereinstimmung gebracht werden konnten. Geis "forderte von Christen und Juden immer wieder, dass sie die Welt in ihrer Gottferne entlarvten und im Vollzug von 'Theopolitik' (Buber) gemeinsaman einer gerechteren Ordnung arbeiteten" (Goldschmidt, in Geis S. 11).
In seinen letzten Lebensjahren erfüllte sich sein Wunsch nach einer Lehrtätigkeit an einer Universität. 1969 wurde er Honorarprofessor für Judaistik an der Pädagogischen Hochschule Duisburg, 1971 übernahm er eine Professur an der theologischen Universität Göttingen. Bereits ein Jahr später, am 18. Mai 1972, starb der „Rabbiner für die Christen“, „Aba Geis“, wie ihn diejenigen nannten, denen er sein Vertrauen geschenkt hatte: „Juden und Christen, Gläubige und Religionslose, ehemalige Nationalsozialisten, aufrechte Demokraten und rebellierende Studenten“ (Goldschmidt, in Geis S. 12).
Er hatte als Vertreter des deutschen Judentums in der deutschen UNESCO-Kommission gearbeitet und war 1970 für seine Verdienste mit der Opens external link in new windowBuber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet worden.
 
 
 
Quellen und Literatur
 
Rede von Landesrabbiner Robert. R. Geis auf dem jüdischen Friedhof anlässlich der Einweihung des Gedenksteins für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus in Kassel, Sonntag, den 25. Juni 1950, in: Jüdische Geisteswelt. Zeugnisse aus zwei Jahrtausenden, hg. von Hans Joachim Schoeps, Darmstadt und Genf o. J., S. 317-319
Robert Raphael Geis, Leiden an der Unerlöstheit der Welt. Briefe, Reden, Aufsätze, hg. von Dietrich Goldschmidt in Zusammenarbeit mit Ingrid Ueberschär, München 1984
Joachim Perels, Prophetische Tradition nach der Shoah – Robert Raphael Geis, in: Judentum und politische Existenz. Siebzehn Porträts deutsch-jüdischer Intellektueller, hg. von Michael Buckmiller / Dietrich Heimann / Joachim Perels, Hannover 2000, S. 306-324
Wolfgang Prinz, Die Judenverfolgung in Kassel, in: Frenz / Kammler / Krause-Vilmar, Volksgemeinschaft und Volksfeinde, Bd. 2, Fuldabrück 1987, S. 136ff.
Eva M. Schulz-Jander, Von Kassel nach Haifa. Die Geschichte des glücklichen Juden Hans Mosbacher, Kassel 2008
Opens external link in new windowWieland Zademach, Ein Rabbiner für die Christen. Erinnerung an Robert Raphael Geis (1906–1972), in: Freiburger Rundbrief. Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung Jg. 20 (2013) Heft 3 S. 190−199
 
Weblinks
 
Opens external link in new windowNachlass von Robert Raphael Geis im Leo Baeck Institute in New York
[letzte Aktualisierung: 28.11.2016]