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Mittwoch, 19.12.2018
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Nora Platiel

Nora Platiel als Anwältin
Nora Platiel in den 1960er Jahren

Juristin, Sozialistin, Politikerin

1896-1979

 
Wohnte nach der Rückkehr aus dem Exil seit Ende 1949 in der Goethestraße 150, danach von 1957 bis zu ihrem Tod in der Goethestraße 130.
 
 
Als eine der bedeutendsten Frauen in der Geschichte der hessischen Sozialdemokratie bezeichnete Holger Börner, damaliger Ministerpräsident Hessens, die Politikerin und Juristin Nora Platiel in seinem Nachruf 1979. Die Presse würdigte sie als engagierte Sozialdemokratin, die der jungen Demokratie menschliche und politische Substanz gegeben habe. Vor allem in ihrem politischen Wirken im Nachkriegsdeutschland und besonders in Kassel spiegelt sich dies wider. Auch in kultureller Hinsicht leistete sie einen bedeutenden Beitrag für das Land Hessen.
Nora Platiel (geb. Block) wird am 14.1.1896 in Bochum als Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Wie bei Frauen ihrer Generation üblich, wird auch ihr Bildungsgang von der Zeit geprägt: Für Frauen ist es fast unmöglich, zumindest sehr mühsam, eine höhere Bildung zu erlangen. Im Alter von 16 Jahren verliert sie ihren Vater und muss die Schulausbildung abbrechen, um mitzuhelfen, das väterliche Geschäft weiterzuführen. Nach mehreren Tätigkeiten wie zum Beispiel ihrer Arbeit für die „Liga für Menschenrechte“ oder den „Bund für Mutterschutz“ (wo sie Helene Stöcker kennen lernt) holt sie ihr Abitur nach und beginnt im Alter von 26 Jahren in Frankfurt Nationalökonomie und Sozialwissenschaften sowie in Göttingen Jura und Rechtsphilosophie zu studieren.
In Göttingen trifft sie Leonard Nelson, der ihr Leben nachhaltig prägt. Der Philosoph, dem viel an praktischer Wirkung und pädagogischer Aufklärung liegt, wird zu ihrem Mentor. Er gründet den „Internationalen Jugendbund“ (IJB) und später den „Internationalen Sozialistischen Kampfbund“ (ISK). Platiel akzeptiert teilweise sogar die rigorosen Forderungen Nelsons nach vegetarischer Lebensweise, Verzicht auf Alkohol, Kirchenaustritt und Bindungslosigkeit mit dem Ziel, frei für politisches Engagement zu sein. Zuweilen setzt sie sich noch bis ins hohe Alter mit seinen Ideen auseinander und steht ihnen dann jedoch teilweise kritisch gegenüber.
Platiels politischer Weg, der sie 1922 auch in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) führt, wird trotzdem nachhaltig durch Nelson geprägt. Nach erfolgreichem Studium kommt sie nach Kassel und absolviert hier ihr Referendariat. Als Juristin kann sie danach in ihrer Heimatstadt Bochum als Anwältin jedoch nur kurz arbeiten (vor allem auch in politischen Prozessen), da die engagierte Sozialistin und Jüdin bereits 1933 mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft nach Frankreich emigrieren muss.
Während ihrer Zeit im Exil bekommt sie mit 38 Jahren ihren Sohn Roger, welchen sie allerdings aufgrund der gefährlichen Situation des Exillebens schweren Herzens in ein Heim für Exilkinder gibt - den Vater heiratet sie nicht. 1940 wird sie verhaftet und in ein Internierungslager gebracht. Aus diesem kann sie nach einigen Wochen fliehen und findet dann schließlich Zuflucht in Montauban in der Schweiz, wo sie als Flüchtlingsfürsorgerin tätig wird. Dort lernt sie auch ihren Ehemann Hermann Platiel kennen, den sie anlässlich ihres 47. Geburtstages 1943 heiratet. Viel Zeit können die beiden jedoch nicht miteinander verbringen, da sie bei einer Razzia getrennt werden und erst nach Kriegsende wieder zueinander finden.
Um sich eine neue Existenz aufzubauen, kommt sie zurück nach Kassel, wo sie durch Vermittlung von Erich Lewinski eine kleine Wohnung in der Goethestraße 150 erhält, und nimmt gleichfalls durch dessen Vermittlung eine Stelle als Landgerichtsrätin an. Später wird sie zur ersten Landgerichtsdirektorin in Hessen ernannt und arbeitet daneben als Vorsitzende der Wiedergutmachungskammer, die sich mit der rechtlichen und finanziellen Wiedergutmachung der NS-Verbrechen befasst. In der Öffentlichkeit spielt sie eine zentrale Rolle bei Kundgebungen sowie Gewerkschaftstreffen und ist 1954-1966 Kasseler Landtagsabgeordnete für die SPD. Dort befasst sie sich vorwiegend mit der Verständigung zwischen Deutschland und Israel, der Erziehung der Jugend zu demokratischem Verhalten und der Förderung von Kunst und Wissenschaft. Wegen ihres Einsatzes im kulturellen Leben Hessens  wird sie an ihrem 70. Geburtstag (1966) mit der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt belohnt. 1970 erhält sie mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille die höchste Auszeichnung des Landes. Am 6.9.1979 stirbt Nora Platiel im Alter von 83 Jahren in Kassel.
Die Nora-Platiel-Straße auf dem Gelände der Universtität am Holländischen Platz würdigt sie.
 
Geringfügig überarbeitet entnommen aus:
Wolfgang Matthäus / Mareike Görtz (Hg.), Wege von Frauen. Kasseler Straßennamen, Geschichte und Geschichtspolitik, Kassel 2006
 
 
 
[letzte Aktualisierung: 29.06.2016]