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Montag, 17.12.2018
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November 1938 im Vorderen Westen

Das Gebäude der Schutzpolizei an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße
William Katz
Appell der Häftlinge des Sonderlagers für die "Aktionshäftlinge" vom November 1938
Geldkarte aus Buchenwald von Willi Engelbert, der später in der Goethestraße 13 wohnte und seinem Leben durch Freitod ein Ende setzte.
 
Im November 1938 waren Kassel und die Region Vorreiter des reichsweiten Pogroms gegen die jüdische Bevölkerung, ihre Einrichtungen und Geschäfte. Die gewalttätigen Ausschreitungen begannen hier bereits am 7. November. Zu ihnen gehörte eine große Verhaftungsaktion, die sich gegen jüdische Männer richtete. In Kassel wurden mehr als 250 von ihnen in der Polizeikaserne an der Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße) inhaftiert, um sie anschließend in das KZ Buchenwald zu verschleppen, wo sie mehrere Wochen lang äußerst grausame Haftbedingungen zu erleiden hatten, die sie Zeit ihres Lebens traumatisierten.
 
Zu den in der Polizeikaserne Inhaftierten gehörten einige Bewohner des Vorderen Westens (unter anderem der Rabbiner der Gemeinde Robert Raphael Geis) ebenso wie der Lehrer der jüdischen Gemeinde Willy Katz. In seinen Lebensereinnerungen schreibt er darüber:
 
"Dann marschierten wir (vom Polizeipräsidium am Königstor) in etwa 15 Minuten zur Kaserne des 83er Infanterieregiments in der Hohenzollernstraße. Dort bot sich uns ein Anblick, der uns auf alle unsere unausgesprochenen Fragen Antwort gab: In einem großen Saal standen etwa 250 Männer und Jugendliche zusammen, also das ganze männliche Geschlecht der jüdischen Gemeinde: Rabbiner, Kantoren, Lehrer, Akademiker und Studenten, Ge­schäftsleute, Fabrikanten, Gemeinde- und (ehemalige) Staatsbeamte, Hand­werker, Arbeiter und Arbeitslose. Das war nationalsozialistische De­mo­kratie! Keine Standesunterschiede mehr! Orthodoxe, Liberale, Halb- und Vierteljuden und solche, die gar keine Juden mehr sein wollten. Diese Leistung Hitlers findet ihresgleichen nicht. Wir waren alle Schicksals­genossen und harrten der Dinge, die da kommen würden. Man begrüßte sich zurückhaltend, tauschte flüsternd Erfahrungen aus, aber die Unterhaltung wurde wiederholt durch ein scharfes Kommando eines der ‚Maß­gebenden‘ unterbunden. So standen wir stundenlang herum, während die phantastischsten Vermutungen über das uns bevorstehende Schicksal he­rumschwirrten. Wer wird nach Hause geschickt? Die Geistlichen? Die Ärzte? Alte und kranke Männer? Kriegsbeschädigte? Kriegsteilnehmer? Das alles trug nicht zu einer Beruhigung der Stimmung bei. Ich selbst hatte meine eigenen Gedanken. Hier in diesem Saal hatte ich mich in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 als Kriegsfreiwilliger gemeldet. Draußen auf dem Kasernenhof hatte ich den ersten Soldatenschliff mitgemacht und später die Ausbildung am Maschinengewehr. In diesem Saal hatte ich mich freiwillig an die Front gemeldet. Wie lange lag das zurück? Nicht mehr als 24 Jahre! Und nun war ich der Gefangene desselben Volkes, für das ich mein Leben gegeben hätte."
(Katz, William (Willy): Ein jüdisch-deutsches Leben: 1904-1939-1978, Tübingen 1980)
 
 
R. R. Geis (Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck, 23.6.1937)
Appell der Häftinge des Sonderlagers in Buchenwald

Buchenwald

 
Im Konzentrationslager Buchenwald mussten die Häftlinge schon in den ersten Tagen den Tod von Leidensgenossen in einem eigens eingerichteten Sonderlager erleben, einer mit Stacheldraht vom übrigen Lager abgetrennten „Sonderzone“. Hier kamen alle Extreme des KZ zusammen: Enge, Wassernot, vollkommen unzureichende sanitäre Einrichtungen und Ernährung, der Terror der SS, „Schlafregale“ ohne Decken und Strohunterlage, die lediglich 50 cm hoch waren. Auch Morde gehörten dazu.
 
Wie ein gläubiger Jude in aller Ohnmacht gegenüber dem Terror Zeugnis ablegt und seine Mitjuden sich mit ihm identifizieren, hat der Rabbiner Robert Raphael Geis festgehalten: „Für mich ist eine Stunde im Lager Buchenwald unvergessen und unvergesslich. Da standen wir zu Tausenden und Abertausenden an diesem Tag von morgens 6.00 Uhr bis spät in die Nacht auf dem Appell-Platz. Zur Abendstunde wurde vorn auf dem Kommando-Turm, für uns nicht sichtbar, ein Jude zu Tode geprügelt. Er rief mit immer schwächer werdender Stimme das Bekenntnis: ‚Höre Israel, Gott ist unser Gott. Gott ist Einer.‘ Juden, für die jeder Laut das Ende bedeuten konnte, beteten dennoch mit dem sterbenden Bruder: ‚Höre Israel, Gott ist unser Gott. Gott ist Einer,‘ antworteten wie Juden gläubigerer Zeiten, bekannten sich in der Stunde, die todeserfüllt bis über den Rand war, zum Gott ihrer Väter. Ja, zu Juden, zu bekennenden Juden wurden wir geschlagen.“  (Geis, Leiden, S. 182)
 
 
Literatur
 
Wolfgang Matthäus, Kaiserstraße 13. Geschichten vom jüdischen Leben und
seiner Zerstörung im Vorderen Westen, in Kassel und der Region, Kassel 2014
Verlag Winfried Jenior - ISBN: 978-3-928172-91-2
Robert Raphael Geis, Leiden an der Unerlöstheit der Welt. Briefe, Reden, Aufsätze, hg. von Dietrich Goldschmidt in Zusammenarbeit mit Ingrid Ueberschär, München 1984
[letzte Aktualisierung: 29.06.2016]