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Mittwoch, 19.12.2018
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Kurt Katzenstein (Kurt Kaye)

Kurt Katzenstein als Flieger in Waldau (Foto Achenbach - Stadtmuseum)
Fotomontage der Unterquerung der Fuldabrücke (Stadtmuseum)
Montagehalle der Raab-Katzenstein Flugzeugwerke (Stadtmuseum)
Werkszeitschrift 1927 (Stadtmuseum)
Verkaufsgespräch auf dem Friedrichsplatz, wo das Flugzeug allerdings nicht gelandet war. Die Käuferin wird das Flugzeug später zu Flügen mit antisemitischen Parolen nutzen!
Erster Schleppflug eines Segelflugzeugs auf dem Flugplatz Waldau
"Kennkarte J" der Mutter Franziska Katzenstein
Kurt Kaye als Pilot in Südafrika
 
Flieger, Dipl.-Ing., Unternehmer
 
Lebte von 1905 bis zum Ersten Weltkrieg in der Kaiserstraße 29 (Goethestraße), nach dem Krieg in der Sophienstraße und dann der Kaiserstraße.
 
 
Kurt Katzenstein wurde 1895 als Sohn von Opens internal link in current windowFranziska Katzenstein und des Bankiers Otto Katzenstein geboren. Bereits als Schüler faszinierte ihn das Fliegen. Als Abiturient freiwillig in den Krieg gezogen, diente er im Ersten Weltkrieg zunächst bei der Artillerie und kam nach einer Verwundung im April 1915 zur Fliegerei, die ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen sollte. Zunächst als Frontaufklärungsflieger über Russland eingesetzt, kämpfte er später als Jagdflieger. „Am Kriegsende kehrt er mit einer Focker D VII nach Kassel zurück und veranstaltet Flüge über Nordhessen, bis der Soldatenrat das Flugzeug beschlagnahmt“, hieß es anlässlich seines 80. Geburtstages 1975 in der HNA. Kurt Katzenstein studierte an der Technischen Hochschule Darmstadt und fand als Diplom-Ingenieur eine Anstellung als Werkspilot bei der Dietrich-Gobiet Flugzeugwerke AG in Kassel-Bettenhausen, die 1924 Antonius Raab als Chefpiloten verpflichtete. Dieser schrieb in seinen Lebenserinnerungen: „Ich schulte Katzenstein auf Kunstflug ein, und bald waren Katzensteins fliegerische Leistungen von den meinen nicht mehr zu unterscheiden.“ Die beiden Flieger nahmen mit den Flugzeugen des Kasseler Unternehmens an einer ganzen Reihe von nationalen und internationalen Kunstflugveranstaltungen und -wettbewerben äußerst erfolgreich teil und trugen durch erhebliche Preis- und Teilnahmegelder, aber auch den Abschluss von Kaufverträgen und durch Passagierflüge zum anfänglichen Geschäftserfolg der Flugzeugwerke wesentlich bei.
Kurt Katzenstein machte 1924 mit einem unglaublich scheinenden Pilotenkunststück Schlagzeilen in aller Welt, als er auf einem Flug entlang der Fulda in Begleitung eines Offiziers der Reichswehr spontan mit seinem Doppeldecker unter der Fuldabrücke am Altmarkt hindurch flog. Ein waghalsiges Manöver, das bis in die Gegenwart hinein angezweifelt wurde, aber stattgefunden hat, auch wenn es sich bei dem Foto, das es beweisen sollte, um eine Montage handelte. Anlässlich eines Besuches in Kassel 1971 erinnerte sich der Pilot: „Ich hatte das nicht vor, sondern war beim Flug in Richtung Waldau von den vielen Leuten am Fuldaufer, die mir zuwinkten, dazu gereizt worden, tief herunterzugehen. Über die Brücke wäre ich nicht mehr gekommen mit der 80pferdigen Maschine, da hingen zahlreiche Drähte. Ich musste drunter durch. Freiwillig hätte ich das nicht noch einmal gemacht. (…) Hinterher haben mir die Knie gezittert.“
Die Flugzeugwerke Dietrich-Gobiet, in denen es seitens des Direktors Dietrich antisemitische Einstellungen gegenüber den nicht „rein arischen Mitarbeiter(n) Katzenstein und Gobiet“ gegeben haben soll, wie Antonius Raab schreibt, gingen 1925 in Konkurs. Raab, Katzenstein und Gobiet gründeten daraufhin die Opens external link in new windowRaab-Katzenstein-Flugzeugwerke GmbH, die viele der früheren Mitarbeiter übernahm. Zum Startkapital trugen die Familien der beiden Piloten und Firmengründer bei. Nach Raab gab es in ihrem Unternehmen keine „Rassen“-Vorurteile mehr. Raab-Katzenstein konstruierte und produzierte innerhalb von nur wenigen Jahren eine ganze Reihe von Modellen. Mit der „Schwalbe“, einem Verkaufserfolg des Unternehmens, wurde Gerhard Fieseler - Mitarbeiter und später auch Teilhaber der Firma - deutscher Kunstflugmeister. Ein anderer Flugzeugtyp diente als Reklameflugzeug – ebenso wie ein für diese Zwecke entworfenes Kleinluftschiff. Verkaufserfolge erzielte die junge Firma selbst in China. 1926 führten die beiden Chefs den weltweit ersten Schleppflug eines Segelflugzeuges durch – Katzenstein schleppte, Raab saß im Segler. Kurt Katzenstein nahm in der Firma, die 1926 bereits mehr als 120 Mitarbeiter und 1927 sogar 200 Beschäftigte hatte, eine ganze Reihe von Rollen ein. Er war „Einflieger, Vorführer, Testpilot in einer Person“, wie sein Kompagnon schreibt, zudem betätigte er sich als einer von wenigen Ingenieuren als Konstrukteur. In der Flugschule der Firma, die auch eine Luftbildabteilung unterhielt und Flugtage veranstaltete, bildete er darüber hinaus im Lauf der Jahre mehr als 250 Schüler aus.
In der Weltwirtschaftskrise geriet das weitgehend erfolgreiche Unternehmen - wie die junge deutsche Luftfahrtindustrie insgesamt - dennoch in finanzielle Bedrängnis und musste 1930 auf Grund von Schwierigkeiten auch im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch einer Kasseler Bank wegen Zahlungsunfähigkeit Vergleich anmelden. Kurt Katzenstein ging von Kassel vorübergehend nach Krefeld und flog dann zusammen mit dem ehemaligen Kampfflieger Wackwitz die Reklamestaffel einer Zigarettenfabrik.
Nach der „Machtergreifung“ emigrierte der antifaschistisch eingestellte ehemalige Mitstreiter Antonius Raab. Kurt Katzenstein musste sich im Juni 1933 von seiner Mutter, mit der er in Kassel lebte, verabschieden, als er nach Den Haag in den Niederlanden ging, um von dort nach Südafrika auszuwandern. Hier gründete er mit dem gleichfalls emigrierten Willy Rosenstein, einem Flieger und Fluglehrer der ersten Stunde in Deutschland, eine erfolgreiche Flugschule.
Kurt Kaye, wie er in Südafrika hieß, internierte man zu Kriegsbeginn ebenso wie seinen Kompagnon Willy Rosenstein acht Monate lang als feindlichen Ausländer. Später nutzte die Royal Airforce South Africa sein fliegerisches Können als Test- und Überführungspilot. Während der Bruder Ludwig sich gleichfalls dem Völkermord entziehen konnte, deportierte man seine verwitwete Mutter vom jüdischen Altersheim in der Mombachstraße am 7. September 1942 nach Theresienstadt, wo sie im März 1943 den Haftbedingungen erlag.
Als Captain Kaye flog Kurt Katzenstein bis zu seinem 70. Lebensjahr Charterflüge über Afrika, Europa und den Orient für verschiedene südafrikanische Fluggesellschaften; zumindest zeitweise betrieb er wohl auch eine eigene Chartergesellschaft. Seine Heimatstadt besuchte er mehrfach, bevor er 1984 im Alter von 89 Jahren in Johannesburg starb.
 
 
Quellen
StadtA Kassel  A 8.80 Nr. 280, Nr. 393, Nr. 411; S1 Personalia 1528 Kurt Katzenstein; S 5 H Nr. 209 | HHStAW Abt. 518 (Entschädigungsakte Katzenstein) | Stadtmuseum Kassel, Sammlung zu Kurt Katzenstein
Literatur
Antonius Raab, Raab fliegt. Erinnerungen eines Flugpioniers, Hamburg 1984
 
Dieser Text ist ein Auszug aus:
Wolfgang Matthäus, Kaiserstraße 13. Geschichten vom jüdischen Leben und seiner Zerstörung im Vorderen Westen, in Kassel und der Region, Kassel 2014 (Verlag Winfried Jenior -ISBN: 978-3-928172-91-2)
 
 
[letzte Aktualisierung: 29.06.2016]