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Montag, 17.12.2018
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Kindheit und Jugend vor dem Ersten Weltkrieg

Hohenzollernstraße (Friedrich-Ebert-Straße) / Ecke Annastraße. In dem Haus in der Bildmitte wuchs Herbert Lewandowski auf. (1932 - Stadtmuseum)
Hinterhöfe im Bereich Parkstraße, Annastraße und Hohenzollernstraße (Stadtmuseum)
Herbert Lewandowski
 

Herbert Lewandowski

 
Der 1896 geborene Sohn von Caroline und Jakob Lewandowski verbrachte Kindheit und Jugend in der Hohenzollernstraße 66 (Friedrich-Ebert-Straße):
 
Über seine Kindheit in der Hohenzollernstraße 66 vor dem Ersten Weltkrieg:
 
„Prunkvoll wie ihr Name war die im Kasseler Westen gelegene Hohenzollernstraße. In dem fünfstöckigen Bürgerhaus war unten die Bären-Drogerie des Apothekers Scholz, welcher in der ersten Etage wohnte. Die zweite hatten meine Eltern, die vierte der Lehrer Lawesen mit seinen drei Töchtern Gera, Marianne und Christel, von denen die älteste eine Zeitlang meine ‚Flamme‘ war. Hinter dem Hause war ein großer Hof, den man über die Hintertreppe oder durch den dunklen, labyrinthartigen Keller erreichen konnte. In der dunklen Unterwelt der Kellergewölbe war der passende Ort für unsere Indianerspiele und Räuberabenteuer.“
(Kindheitstage in Kassel oder Traum und Trübsal in der Wolfsschlucht)
 
„Ich stellte meinen Phonographen mit dem großen Trichter am Fenster auf, alle Kinder des Hauses und der Nachbarhäuser waren im Hof versammelt, und dann gab es ein Wunschkonzert. Ich besaß drei Walzen: „Dollarprinzessin“, „Lustige Witwe“ und „Walzertraum“.
Dann hatte ich ein Telefon zu einem Freund auf der anderen Hofseite installiert: Statt Draht hatten wir Bindfaden, statt Sprechmuscheln dienten längliche, runde Kartons, in denen man Glühstrümpfchen angebracht hatte (das elektrische Licht war noch nicht erfunden!). Die Verständigung war noch schwierig.
Kommen wir zur Wohnung: Sie war mit Eichenmöbeln ausgestattet, die entsetzlich viele Kanten hatten, beim Versteckspielen bekam man dauernd Beulen. Die Wohnung war hübsch, drei Fenster und ein Balkon gingen auf die Hohenzollernstraße. Auf dem Balkon war eine von mir gefangene Kröte, die einmal flüchtete und vom zweiten Stock auf die Straße hinunter sprang und, ohne sich auch nur ein Bein verstaucht zu haben, sofort weiter hüpfte, was mich in großes Erstaunen versetzte. Dagegen starben zwei Feuersalamander in meinem Aquarium …
Die Wohnung hatte Vordertreppe (für die Herrschaften) und Hintertreppe (für die Dienstboten). Auf der Hintertreppe saß ich und las heimlich die Hefte von Buffalo Bill, sogenannte „Schwarten“, die mein Telefonfreund aus der Annastraße mir geliehen hatte.  Was Hintertreppenliteratur ist, habe ich also aus eigener Erfahrung kennengelernt.
„Unsere“ Straße war also die Hohenzollernstraße (…) In ihr wohnten viele Leute, die meine Eltern kannten. Die Atempause bei dem Marsch durch die Hohenzollernstraße bildete das Uhrtürmchen, das auch nicht mehr da ist. Als ich ins Pubertätsalter kam, war es meine Freude, den „kleinen Mädchen“ auf der Hohenzollernstraße zu begegnen, von denen es eine große Menge im damaligen Kassel gab.“
(Kassel und ich, HA 3.4.1971)
 
Über seinen Großvater, den Agenten und Kaufmann Julius Mecca und das deutsch-jüdische Milieu, in dem seine Mutter aufgewachsen war, 1943 in seinem „Schweizer Tagebuch eines Internierten“:
 
„Stets ist er mir gegenwärtig als eine Figur von faustischem Wissensdrang, dabei aber von der größten Heiterkeit und Ausgeglichenheit des Gemütes. Er war einer jener glücklichen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, die in langer Friedenszeit ihre materiellen und geistigen Schätze unaufhörlich mehren konnten. Gleichzeitig wussten sie sich eine große Eigentümlichkeit zu bilden. (…)
Was konnte ich als Kind diesen alten Mann nicht alles fragen! Er wusste und kannte alles, nichts war seiner Aufmerksamkeit entgangen. Er hatte nicht nur eine große Getreidehandelsfirma aufgebaut, sondern spielte auch wunderbar Klavier, kannte alle Opern und Werke der Kammermusik, war beschlagen in allen Klassikern, auch in der älteren Generation der Herder, Klopstock, Wieland – Jean Paul war sein Lieblingsdichter. Wie Goethe hatte er sich mit der Erdgeschichte beschäftigt, merkte überall seltene Steine auf, hatte eine interessante Sammlung versteinerter Fossilien, die er selbst gefunden hatte. Er kannte alle Sternbilder, alle Bäume, alle Pilze und sammelte aus seiner genauen Kenntnis heraus viele Sorten, die andere Leute stehen ließen, weil sie sie für giftig hielten. Er kannte das ganze Hessenland wie seine Tasche und schrieb auf seinem Sterbebette einen letzten Gruß an seine Heimat, ergreifender, wie ich ihn von irgend einem deutschen Dichter kenne. Jedem Quelle, jedem Hügel, jedem geliebten Ausblick sagte er aus einer großen Allverbundenheit heraus Lebewohl.
Mein Großvater war auch der erste wirkliche Europäer, den ich kennen lernte. Er sprach viele Sprachen und lernte noch im Alter unaufhörlich neue. Er hatte meine Mutter, als sie noch ein junges Mädchen war, mitgenommen nach Frankreich, um ihren Blick über die Grenzen hinauszulenken. Der Sohn seines besten französischen Freundes war der erste, der mir die Wege zu ebnen versuchte, als ich als Flüchtling nach Paris kam. Meine Mutter konnte voriges Jahr noch Briefe in sehr gewandtem Französisch meiner kleinen Tochter schreiben, die diese Sprache in Frankreich adoptierte.“
 
Die Wertschätzung seiner Heimat verdankte Herbert Lewandowski vor allem seinem Großvater, wie er in der Erzählung „Kindheitstage in Kassel oder Traum und Trübsal in der Wolfsschlucht“ 1983 schrieb:
 
„Halb unter natürlichem Drange, halb unter der sanften Leitung meines Kasseler Großvaters Julius Mecca bildete ich mich im Genuss der unerschöpflichen landschaftlichen Schönheiten wie auch der kulturellen Schätze Kassels heran und lernte sie von Jahr zu Jahr mehr schätzen und lieben.“
 
Über seine Schulzeit auf dem Progymnasium (einer privaten Grundschule) und das Weihnachtsfest:
 
„Der alte Lehrer Reinhard war ein großer Jugendbildner, welcher die Jugend im Spiel heranzuziehen wusste. So saß ich zu Füßen dieses Lehrers nicht anders, als die Brüder Grimm bei der Viehmännin gesessen hatten, welche ihnen die hessischen Märchen in im altüberkommenen Tonfall überliefert hatte (…). Auch Lehrer Reinhard war ein Märchenerzähler, er erzählte uns wundersame Geschichten, darunter auch die Berichte des Alten und des Neuen Testaments, denn mein Vater war so weitherzig, dass er mich an der allgemeinen Erziehung fürs erste teilnehmen ließ. So lernte ich unseren Herrn Jesus genauso lieben wie die Erzväter, deren Namen mein Hamburger Großvater meinem Vater und seinen Brüdern gegeben hatte. Ich sah ihn als guten Hirten mit einem Lämmlein auf dem Arm, und so schloss ich ihn in mein Kinderherz. Auch die Legende der Weihnacht umspann mich mit all ihrem Zauber, und die gute Mutter versäumte es nicht, jedes Jahr einen wundervollen Christbaum zu schmücken und reiche Gaben im Namen des Christkindleins darunter zu legen. Mein erster Theaterbesuch galt auch einem Weihnachtsspiel: ‚Wie Klein-Elschen das Christkind suchen ging‘. “ 
(Kindheitstage in Kassel oder Traum und Trübsal in der Wolfsschlucht)
 
Über das politische Klima im Stadtteil und der Provinzhauptstadt:
 
„Ich sah allerdings schon in meiner Kindheit, dass es in unserem Vaterlande zweierlei Deutschtum gab: die Welt Goethes, Schillers, Hölderlins, Mörikes – die Welt Webers und Wagners, die Wundersphäre der deutschen Kunst mit einem Wort (an der ich auch heute noch hänge) – und daneben eine Welt monokoltragender und säbelklirrender Offiziere und mit hohem Stehkragen gezierter preußischer Beamter, die mir von kindauf  in tiefster Seele verhasst waren. So leidenschaftlich ich die Welt der Dichter und Künstler liebte, so sehr empörte sich alles in mir gegen das menschenverachtende, anti-humanitäre, größenwahnsinnige Preußentum, und es gab schon auf der Schule [Friedrichsgymnasium] manchen Konflikt für mich – etwa wenn ich mich am Sedantage weigerte, ein hurrapatriotisches Gedicht aufzusagen.“
(1942, Schweizer Tagebuch eines Internierten)
 
Quellen
Kindheitstage in Kassel oder Traum und Trübsal in der Wolfsschlucht, in: Lee van Dowski, Abschiedsgruß, St. Michael 1993
Kassel und ich, HA 3.4.1971
Lee van Dovski, Schweizer Tagebuch eines Internierten, Utrecht 1946
 
[letzte Aktualisierung: 29.06.2016]