Sie befinden sich hier: Hauptmenü / Jüdisches Leben / Kindertransporte: Dorrith M. Sim
Montag, 17.12.2018
Mit dieser Erklärung können Sie Mitglied werden

Download Faltblätter

Kindertransporte: Dorrith Marianne Sim

Dorrith M.Sim bei ihrem 80. Geburtstag (http://www.educationscotland.gov.uk/resources/e/escapingtheholocaust.asp)
 
Als einzige Tochter von Gertrud und Hans Oppenheim lebte Dorrith Marianne Oppenheim zuletzt (1939) in der Kaiserstraße 59 (Goethestraße), bevor sie - anders als ihre Eltern - dem Völkermord durch einen Kindertransport nach England entkommen konnte. Darüber veröffentlichte sie 1996 in London ein Kinderbuch unter dem Titel "In My Pocket", das im Jahr 2000 und in zweiter Auflage 2013 auch in Deutschland unter dem Titel "In meiner Tasche" verlegt wurde.
Abfahrt am Bahnhof (http://www.educationscotland.gov.uk/resources/e/escapingtheholocaust.asp)
Aus "dem Kinderbuch "In meiner Tasche" - „An diesem Morgen mochte kaum jemand an Bord des Schiffes frühstücken. Es war das Jahr 1939. Es war im Juli. Wir waren auf einem Boot. Ein Boot voller Kinder. Auf der Flucht vor der Gefahr.“
Vom Polizeipräsident in Kassel ausgestellte Kennkarte von Marianne Oppenheim (http://www.educationscotland.gov.uk/resources/e/escapingtheholocaust.asp)
 

Kindertransporte

 
 
Dorrith Marianne Oppenheim gehörte zu den über 10.000 Kindern, die im Rahmen der Kindertransporte (Refugee Children Movement) ohne ihre Eltern ins Ausland gelangen konnten. Diese Hilfsaktion war von der britischen Regierung nach dem Novemberpogrom 1938 initiiert worden. Die Flucht war für viele zur immer dringenderen Notwendigkeit geworden, aber Pass und Visum waren oft nur schwer zu bekommen. Doch wenn schon die Erwachsenen nicht ausreisen konnten, so wollte man wenigstens versuchen, die Kinder zu retten. So debattierte am 16. November 1938 das englische Kabinett unter dem Vorsitz von Neville Chamberlain über die Aufnahme jüdischer Kinder und beschloss noch am selben Tag, eine unbestimmte Anzahl von verfolgten Kindern aus Deutschland einreisen zu lassen. Daran gekoppelt war das Versprechen der jüdischen Organisationen, die den Kindertransport in die Wege geleitet hatten und später auch seinen gesamten Ablauf regelten und überwachten, dass keines der Kinder je von öffentlicher Hand unterstützt werden müsste (d.h. Patenschaften und "Sponsoren" trugen z.T. die Kosten für die Kinder die nicht älter als 17 Jahre sein sollten, um etwaige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zu vermeiden). Bis zum Kriegsausbruch wurde das von der deutschen Regierung geduldet. Kinder und Jugendliche fanden auch Aufnahme in den Niederlanden, in Belgien, Frankreich, der Schweiz und Schweden, die dem englischen Beispiel folgten. Kindertransporte nach England gingen in der Regel von den Heimatbahnhöfen aus mit dem Zug nach Hoek van Holland und von dort mit dem Schiff nach Harwich in England.
Die Aktivitäten in England wurden größtenteils vom "Refugee Children's Movement" (RCM) und vom "Jewish Refugees' Committee" (JRC) geleitet, die auch die Unterbringung der Kinder jeweils vor Ort überwachten und sich speziellen Belangen wie Gesundheit, Ausbildung, Religion usw. widmeten. Marks & Spencer - ein noch heute bekanntes und renommiertes Warenhaus - gab kostenlos Kinderkleidung und Nahrungsmittel an das RCM aus. Auch nichtjüdische Organisationen leisteten großzügig Unterstützung; allen voran zu nennen sind die englischen Quäker, die bei der Unterbringung und Versorgung der Kinder halfen.
 
 
 

Von Deutschland nach Schottland

Schlittschuhlaufen in Kassel (http://www.educationscotland.gov.uk/resources/e/escapingtheholocaust.asp)
Die Klasse der jüdischen Schule mit Marianne Oppenheim (hinten links) (Quelle: wie oben)
Britischer Ausweis (http://www.educationscotland.gov.uk/resources/e/escapingtheholocaust.asp)
Britischer Zeitungsbericht (http://www.educationscotland.gov.uk/resources/e/escapingtheholocaust.asp)
 
 
Die 1931 geborene Marianne Oppenheim, einziges Kind ihrer Eltern, hatte zunächst eine scheinbar behütete Kindheit, der nach der „Kristallnacht“ ein jähes Ende gesetzt wurde. Sicherlich schweren Herzens brachten ihre Eltern die Siebenjährige 1939 in Sicherheit. Am 26. Juli nahm sie eine Pflegefamilie aus Edinburgh in England in Empfang.
Nach der Schulausbildung an einem College und einem 18-monatigen Auslandsaufenthalt in Sao Paulo heiratete Marianne Oppenheim den Anwalt Andrew Sim. Bis 1968 bekam das Ehepaar vier Töchter und zuletzt einen Sohn, mehrere Enkel ergänzten später die Familie.
Als die Kinder aus dem Haus waren, nahm sich Dorrith Sim verstärkt ihrer Vergangenheit an, vor allem den Schicksalen der Kinder, die – wie sie - im United Kingdom Zuflucht  gefunden hatten. Sie wollte Zeugnis ablegen für den Holocaust und ihm auch ein Gesicht geben. 1996 entstand das Kinderbuch „In My Pocket“. In einer Biografie heißt es: „It was important to Dorrith that children understood what happened to her and the many other children in her situation. Her ‚raison d’être' in life was to inform others, both children and adults about the holocaust and the persecution of the Jews and she spent many hours talking to children in schools and adults from various groups.“
Dorrith Sim besuchte ihre Heimatstadt mehrfach. Auch hier sprach sie zu Schülerinnen und Schülern, zum Beispiel in der Albert-Schweitzer-Schule.  Sie starb am 23.8.2012.
 
 

Sie sah ihre Eltern nie wieder

Hans Oppenheim als Soldat
Dorrith Sims Eltern Hans und Gertrud Oppenheim (Quelle: wie oben)
 
Dorrith Sims Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs gibt folgende Auskunft:
 
Oppenheim, Hans
geboren am 16. April 1895 in Sachsa, Bad / Grafschaft Hohenstein / Provinz Sachsen
wohnhaft in Kassel
Deportation:
ab Frankfurt a. Main
16. Juni 1943, Theresienstadt, Ghetto
12. Oktober 1944, Auschwitz, Vernichtungslager
 
Oppenheim, Gertrud Annie
geborene Lindenfeld
geboren am 03. Mai 1902 in Kassel / - / Hessen-Nassau
wohnhaft in Kassel
Deportation:
ab Frankfurt a. Main
16. Juni 1943, Theresienstadt, Ghetto
12. Oktober 1944, Auschwitz, Vernichtungslager

Quellen / Literatur / Links

 
Dorrith M. Sim, In meiner Tasche (Illustrationen von Gerald Fitzgerald), 2. deutsche Auflage Opal Verlag Kassel 2013
Zu jüdischen Bewohnern der Kaiserstraße 59: Sabine Schneider | Eckart Conze | Jens Fleming | Dietfrid Krause-Vilmar, Vergangenheiten. Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus, Marburg 2015, S. 25ff.
[letzte Aktualisierung: 29.06.2016]