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Mittwoch, 19.12.2018
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Freitod: Willi Engelbert und Frieda Buchholz

Willi Engelberts Foto auf der Kennkarte für Juden
Minna Engelberts Foto auf der Kennkarte für Juden
Das Geschäfts- und Wohnhaus (in der Mitte)
Geldkarte von Willi Engelbert in Buchenwald
 
Willi Engelbert und seine Frau Minna lebten von November 1939 bis zum Januar 1942 in der Admiral-Scheer-Straße 13 (Goethestraße), Frieda Buchholz wohnte von 1926 bis 1941 im gleichen Haus.
 
 
Bis in die Mitte der 30er Jahre führte der 1874 in Kassel geborene Kaufmann Willi Engelbert ein Herrenkonfektionsgeschäft in der Hohentorstraße 7, in dem er mehrere Angestellte beschäftigte. Seine Frau Minna, 1888 in Bamberg geboren, unterstützte ihn dabei. Die Töchter Frieda und Edith kamen 1911 bzw. 1916 zur Welt, besuchten das Oberlyzeum (heute Jacob-Grimm-Schule), das die ältere Tochter mit dem Abitur verließ, während die jüngere 1933 den Schulbesuch vorzeitig abbrechen musste. Im zweiten Stock des Geschäftshauses, dessen Miteigentümer Willi Engelbert war, verfügte die Familie über eine 7-Zimmerwohnung und führte einen „gut bürgerlichen Haushalt“.
Seit 1933 litt das Geschäft unter den Boykottmaßnahmen, so dass wahrscheinlich aus diesem Grund Willi Engelbert 1935 seinen Anteil an dem Haus verkaufte. Das Unternehmen veräußerte er ein Jahr später an einen ehemaligen nicht-jüdischen Lehrling, der noch im Geschäft tätig war. Die Tochter Frieda wanderte im gleichen Jahr nach Palästina aus, ihre Schwester Edith folgte ihr dorthin 1937 und erlebte nicht mehr, wie ihr Vater im November 1938 wochenlang in Buchenwald inhaftiert wurde.
Im März 1939 zog das Ehepaar in die Große Rosenstraße, im November in die Admiral-Scheer-Straße 13 – in beiden Fällen wohl nicht freiwillig, sondern unter Zwang im Rahmen der Ghettoisierung der Kasseler Juden, ihrer Konzentration auf möglichst wenige Häuser.
Minna Engelberts Schwester Else Lewy deportierte man im November 1941 von Nürnberg nach Riga. Ein Lebenszeichen von ihr blieb aus.  Für Willi Engelbert war nach der Trennung von seinen Töchtern, dem Verlust der wirtschaftlichen Existenz und der Haft in Buchenwald die Deportation seiner Schwägerin  sicherlich ein weiterer schmerzlicher Ausdruck einer „zertrümmerten Lebensgemeinschaft“ (Benz) in Deutschland. Zudem erlitt das Ehepaar im Januar 1942 eine erneute Zwangsausweisung von der Kaiserstraße 13 in das „Judenhaus“ Schillerstraße 7.
Am 16. März 1942 setzte Willi Engelbert seinem Leben selbst ein Ende. Diese Entscheidung teilte er mit Frieda Buchholz, der Haushälterin Fiorinos, mit der er eine ganze Zeit lang im Haus gelebt hatte. Die beiden waren nur zwei von mindestens 5.000 Menschen unter den deutschen Juden, die mit dem Freitod am Ende selbst über ihr Schicksal verfügten und sich so gegen einen ihnen aufgezwungenes Schicksal behaupteten – gegen eine fanatische Politik, die selbst in den Konzentrationslagern den Freitod als selbstbestimmte Handlung mit allen Mitteln zu verhindern suchte. Allein in Berlin gab es 260 Menschen, die anders als die 2.500 Deportierten den Freitod vorzogen, weil sie sich nicht einfach ergeben wollten.
 
Frieda Buchholz, die Hausdame des langjährigen Hausbesitzers Opens internal link in current windowAlexander Fiorino, die ihn vom Einzug in das Haus 1926 bis zu seinem Tod 1940 begleitet hatte, kümmerte sich in der Zeit danach noch intensiv und im Auftrag seiner Erben um den Nachlass. Die 68-Jährige, die aus Stargard stammte, lebte noch bis zum Februar 1941 im Haus, bevor sie nach Berlin ging. Dort schied sie im August 1942 durch Freitod mit Hilfe von Schlafmitteln aus dem Leben – vermutlich, um der Deportation in den Tod zu entgehen.
 
Nachdem die Fluchtwege  versperrt waren und den wenigsten der deutschen Juden ein Untertauchen in der Illegalität möglich war, blieb als extremste Form der Flucht der Suizid, den es bereits seit Beginn der NS-Herrschaft unter den Juden als Reaktion auf die Verfolgung gab. Mit den Deportationen seit 1941 nahmen die Fälle schwunghaft zu, sicher Ausdruck einer Verzweiflung, aber gleichfalls eines ganz bewussten Handelns, das oftmals von langer Hand geplant und mitunter auch angekündigt war. Abschiedsbriefe, Tagebücher und Lebenserinnerungen zeugen noch heute davon, mit welcher menschlichen Stärke und Würde sich Menschen ganz bewusst dem Zugriff der Verfolgung entzogen. Der Opens internal link in current windowAbschiedsbrief des Kasseler ArztesOpens internal link in current window Dr. Felix Blumenfeld zeugt ganz besonders davon.
 
Willi Engelbert entging mit seinem Freitod dem Schicksal seiner Frau. Minna Engelbert musste am 1. Juni 1942 am Kasseler Hauptbahnhof einen Zug nach Sobibor besteigen, wo sie zwei Tage später ermordet wurde. Andere Verwandte wurden in Theresienstadt und Auschwitz ermordet.
Willi Engelbert wurde 67 Jahre alt. Das durchschnittliche Alter der verfolgten Menschen, die den Freitod wählten, lag nur knapp darunter, bei 65 Jahren. Seine Leiche soll (nach Auskunft der Friedhofsverwaltung) eingeäschert und in einer Urne auf dem Grab seiner Eltern auf dem älteren jüdischen Friedhof bestattet worden sein. Nach dem Krieg sorgte die Familie Busam lange Zeit für dessen Pflege.
 
Quellen
HHStAW Abt. 518 (Entschädigungsakte Engelbert) | Gespräch mit Peter Busam
 
Literatur
Wolfgang Benz (Hg.): Die Juden in Deutschland 1933-1945, München 1988
Monika Richarz, Jüdisches Leben in Deutschland. Zeugnisse zur Sozialgeschichte 1918-145, New York und Stuttgart 1982
Wolfgang Matthäus, Kaiserstraße 13. Geschichten vom jüdischen Leben im Vorderen Westen, in Kassel und der Region, Kassel 2014
 
 
 
[letzte Aktualisierung: 29.06.2016]