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Sonntag, 16.12.2018
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„… bis zu unserem Lebensende …“ der Überlebensbericht von Ruth Rosenbach

 
Drei Generationen der Familie Rosenbach, die nach den Novemberpogromen aus Hoof vertrieben worden war, lebten zwangsweise von April 1940 bis zur Deportation am 9. Dezember 1941 nach Riga in der zu dieser Zeit Admiral-Scheer-Straße 13 (vorher Kaiserstraße, heute Goethestraße): der Großvater Feist, die Enkelinnen Beate und Ruth sowie deren Eltern, Berta und Gustav. Berta Rosenbach und ihre beiden Töchter Beate und Ruth überlebten wie Berthold Schiff, der mit ihnen im gleichen Haus gewohnt hatte, die Deportation nach Riga. Die Stationen ihrer Verfolgung und auch ihrer Rettung waren ähnlich. Unter den ehemaligen Bewohnern des Vorderen Westen, die der zweiten und dritten Deportation nach Sobibor und Theresienstadt zum Opfer fielen, gab es keine Überlebenden.
Im Zusammenhang desOpens external link in new window Entschädigungsverfahrens ihrer Schwester Ruth nach dem Krieg gab Ruth Katz in New York einen Bericht über das Schicksal der Familie seit ihrer Verhaftung und Deportation im November 1941. Dabei stellte sie nicht ihr eigenes, sondern das Schicksal ihrer Schwester Beatrice Schreiber, die gleichfalls in New York lebte, in den Mittelpunkt. Offenkundig ist der Bericht mündlich erstattet und dann in eine schriftliche Form für die Akten gebracht worden, die aus dem Jahr 1964 stammen.
 
 
Situation nach dem Massenmord an den lettischen Juden im Ghetto bei der Ankunft der aus Deutschland Deportierten (Foto: Gisela Möllenhoff)
Absperrung zwischen dem kleinen Ghetto der verbliebenen lettischen und dem der deutschen Juden (Archiv Scheffler)
Jüdische Arbeitskolonne im Ghetto Riga (Archiv Scheffler)
Ghetto Riga - Absperrung 1942 (Bundesarchiv)
Galgen am Gefängnis im Ghetto Riga (Bundesarchiv)
Ghetto Riga - Blick durch einen Stacheldrahtzaun in eine Straße mit Hausrat / Möbeln, 1942 (Bundesarchiv)
Verlauf des Todesmarsches von Hamburg nach Kiel

Der Überlebensbericht

 
„In 1941 wurden wir in einer Schulhalle in Kassel eingesammelt, um uns nach Riga zu transportieren. Mit Polizisten und Hunden hat man uns durch die Stadt zum Bahnhof geführt. Nach einer qualvollen Reise kamen wir in Riga an, wo wir von schreienden SS-Leuten mit aufgepflanzten Gewehren und Gummiknüppeln empfangen wurden. Die älteren Leute und Kranke wurden sofort aussortiert und in den umliegenden Wäldern erschossen.
Nachdem wir stundenlang in eisiger Kälte dort stehen mussten, hat man uns dann in das Opens external link in new windowGhetto Riga geführt. Auf diesem Wege haben viele unserer Glaubensgenossen Hände und Füße verfroren. Zum Beispiel ein 15-jähriges Mädchen, eine Freundin meiner Schwester, bekam durch diese Erfrierungen Hände und Füße amputiert und starb kurz darauf.
Als wir imOpens external link in new window Ghetto ankamen, trafen wir einige lettische Juden, die uns erzählten, dass man 3 Tage vor unserer Ankunft 40.000 lettische Juden dort erschossen hatte und dass uns wahrscheinlich dasselbe bevorstünde. In den uns angewiesenen Räumen fanden wir dann noch Speisereste sowie Kleidungsstücke von den erschossenen Juden vor. Da man uns in den ersten Tagen keinerlei Nahrungsmittel gab, versuchten wir, uns Speisereste aus den verlassenen Räumen zu holen. Diejenigen, die von der SS dabei erwischt wurden, hat man auf der Stelle erschossen.
Wir mussten in Temperaturen unter Null jeden Morgen auf dem Appellplatz für Stunden stehen. Von dort wurde meine Schwester mit anderen jungen Leuten eingeteilt zur Düna, ein Fluss in Riga, zum Brettertragen. Dieselben mussten die Mädchen im Alter von 15 und 16 Jahren aus dem eisigen Wasser herausnehmen und auf ihren Schultern tragen (…). Zu essen bekamen diese Mädchen ein dünnes Stück Brot und gefrorene Kartoffeln. Abends mussten sie dann unter SS-Bewachung zurück in das Ghetto marschieren.
Täglich hat man Leute aus dem Ghetto herausgeholt, die angeblich in Opens external link in new windowandere Lager transportiert wurden. So lebten wir in ständiger Angst, von unseren Angehörigen getrennt zu werden. Ein guter Freund unserer Familie von der Kasseler Gruppe war in ein solches Lager abtransportiert worden und versuchte, ein Lebenszeichen an seine Eltern ins Ghetto zu schicken. Die SS hat ihn aber dabei erwischt. Man brachte ihn zurück ins Ghetto. Die gesamte Kasseler Gruppe musste dann auf dem Friedhof antreten, wo er vor unseren Augen an seinem zwanzigsten Geburtstag von dem SS-Kommandant persönlich erschossen wurde. Fast täglich wurden Leute erhängt oder erschossen, die nichts anderes gemacht hatten, als zu versuchen, eine Kartoffel oder ein Stück Holz, welches sie sich erbettelt hatten, ins Ghetto hereinzubringen, um sich am Leben zu erhalten. Man hat dann diese Menschen länger als eine Woche am Galgen hängen gelassen, wo wir täglich vorbei marschieren mussten, auch meine Schwester, ein 16-jähriges Mädchen.
Nach einiger Zeit der schweren Arbeit wurde meine Schwester sehr krank. Sie bekam sehr hohes Fieber und ein jüdischer Arzt im Ghetto stellte Diphterie fest. Sie wurde wegen der besonderen Ansteckungsgefahr in ein besonderes Haus gelegt, wo sie versteckt gehalten wurde, da die SS sie sonst als schwer Kranke und Arbeitsunfähige erschossen hätte. Sie war so dem Ersticken nahe, dass man den Hals von innen öffnete, um ihr Luft zu verschaffen. Sie war so krank, dass die ganze Gruppe besondere Gebete für sie verrichtete. Nur wie durch ein Wunder ist sie nach Monaten besser geworden. Sie hat aber noch für lange Zeit keine Stimme gehabt, fast kaum sehen können und war auf beiden Hüften wie gelähmt. (…) Da täglich Aktionen stattfanden, wo man alte und kranke Menschen zum Erschießen aussortierte, mussten wir sie noch für eine sehr lange Zeit versteckt halten.
Am 2. November 1943 [bei der Auflösung des Ghettos], als sie schon wieder besser war, fand eine der grauenhaftesten Aktionen im Ghetto statt. Das gesamte Ghetto musste auf einem großen Platz antreten. Wir waren umzingelt von SS-Männern mit aufgepflanzten Gewehren, Handgranaten und Maschinengewehren. Zuerst hat man sämtliche Kinder unter 12 Jahren den Eltern von den Händen gerissen und auf Lastwagen geworfen. Dann hat der Ghettokommandant jeden Insassen persönlich ausgemustert, nach rechts zum Leben, nach links zum Tod.
So wurde dann auch unser Vater von unserer Seite gerissen. Ein Herr Katzenberg, der neben meiner Schwester stand und dessen Familie von ihm gerissen wurde, verfiel in furchtbare Schreikrämpfe. Ein SS-Mann hat ihn daraufhin ins Gesicht geschossen. Die Kugel dieses Schusses ging durch das Haar meiner Schwester. Wir waren schon durch die Aussortierung hindurch und konnten deshalb die darauffolgende Ohnmacht meiner Schwester dem Kommandanten verheimlichen, da alle die Menschen in ein furchtbares Weinen und Schreien ausbrachen.
Das herzzerreißende Jammern der Eltern und Angehörigen von den zum Tod sortierten Menschen wird uns paar Übriggebliebenen bis zu unserem Lebensende in unseren Ohren klingen.
Den folgenden Tag sind wir, ein Teil der Hinterbliebenen, auf Lastwagen verladen worden. Man sagte uns, wir kämen in ein anderes Arbeitslager, aber das Erlebnis des vorherigen Tages noch frisch vor unseren Augen, glaubten wir nichts anderes, als auch dem Tode entgegen zu gehen. Trotz unserer Furcht sind wird dann wirklich in ein anderes Lager gekommen.
Die Arbeit meiner Schwester [beim Armeebekleidungsamt] bestand darin, Güterwagen mit den vom Schlachtfeld gekommenen schmutzigen Uniformen auszuladen und dieselben in eine Gashalle zur Desinfizierung zu bringen. Nachdem diese Kleidungsstücke mehrere Stunden unter Gas waren, wurden die Türen der Gashalle geöffnet und alle die jungen Mädchen, die dort arbeiteten, mussten dann diese vergasten Uniformen auf Lastwagen laden, um dieselben in eine andere Halle zur Sortierung zu bringen. Man hat diese Mädchen mit den frisch vergasten Sachen in die verschlossenen Lastwagen eingesperrt, damit sie zum Ausladen wieder da sein sollten. Am Ziel angekommen, wurden die Türen der Lastwagen wieder geöffnet und zum Vergnügen der Wachmannschaften taumelten diese Mädchen hysterisch, halb ohnmächtig und schreiend aus diesen mit Gas verseuchten Lastwagen heraus. Darunter war auch meine Schwester. (…)
Nachdem wir schwächer und schwächer wurden und viele diese Arbeit nicht mehr leisten konnten, war auch wieder eine der berüchtigten Aktionen, wo wieder Leute zum Tode aussortiert wurden. Die dann Übriggebliebenen wurden dann nachOpens external link in new window Libau in Lettland transportiert. Dort mussten wir Schiffe ausladen, manchmal 36 Stunden ohne Unterbrechung, unter Aufsicht schreiender und schlagender Nazis und den Bombenangriffen der Russen von der Luft. Während die Nazis sich vor diesen Bomben in sicheren Verstecken hielten, mussten wir auf den Schiffen bleiben. 20 Leute aus der Gruppe, zu welcher meine Schwester und ich gehörten, kamen durch eine Bombe, die in unsere Mitte fiel, ums Leben. So könnte ich noch für Stunden und Stunden weitere grausame Erlebnisse schildern (…).
Von Libau brachte man uns nach Hamburg. Wir wurden dann in ein Gefängnis in Opens external link in new windowFuhlsbüttel eingeliefert. Die grausame Behandlung von den SS-Leuten, welche man extra für uns dorthin brachte, machte uns das Leben dort weiter zur Hölle. Einige Zeit später, verhungert und verfallen, mussten wir ausgemergelte Menschen einen 4-Tage-Marsch mit dem Ziel Kiel-Hassee antreten. Vor Hunger und Durst haben wir auf diesem Weg das Wasser aus den Regenpfützen getrunken, wofür uns die SS mit Gewehrkolben geschlagen hat. Mit unserer letzten Kraft kamen wir dort [im Opens external link in new windowArbeitserziehungslager Nordmark in Kiel] an. Der Kommandant dort empfing uns mit den Worten: ‚Ihr seid Juden? Euch hat man wohl vergessen im Osten zu erschießen? Na, ihr sollt es bei mir GUT haben.‘  Schmutz, Krankheiten, Ungeziefer, Misshandlungen und Erschießungen waren die Merkmale dieses Lagers.
Die weißen Busse des dänischen Roten Kreuzes, die für das schwedische Rote Kreuz im Einsatz waren und die Überlebenden der Familie Rosenbach in die Freiheit brachten.
Mit geschorenen Haaren, körperlich und seelisch zusammengebrochen und mit Typhus erkrankt, wurden wir dann am 1. Mai 1945 von dem Schwedischen Roten Kreuz gerettet und nach Schweden überführt. Dort kamen alle Kranken wie meine Schwester in ein Krankenhaus, sowie in Quarantäne wegen unserer Typhuserkrankung.“
Nach medizinischer Behandlung und Kur­aufenthalten in Schweden gelang es Berta Rosenbach und auch ihren Töchtern, im Dezember 1945, mit der Hilfe und finanziellen Unterstützung von Verwandten in die USA auszuwandern. Die Witwe Berta Rosenbach heiratete erneut in New York, ihre beiden Töchter gründeten in der Stadt Familien. Mit körperlichen und seelischen Schäden aus der Zeit der Verfolgung hatten sie bis an ihr Lebensende zu kämpfen. Beatrice Schreiber starb im Jahr 2008, ihre Schwester Ruth Katz bereits 2005.
 
 
 
 
Gerettete in Dänemmark, Mai 1945. Quelle: Dansk Sygeplejehistorisk Museum (Dänisches Museum für Krankenpflege), Kolding
Quellen und Literatur
 
 
 
HHStAW Best. 518: Entschädigungsakten von Beatrice Schreiber und Ruth Katz
 
Wolfgang Matthäus, Kaiserstraße 13. Geschichten vom jüdischen Leben und seiner Zerstörung im Vorderen Westen, in Kassel und der Region, Kassel 2014 (darin auch ein Kapitel über die aus Hoof vertriebene Familie Rosenbach)
[letzte Aktualisierung: 23.10.2017]