Sie befinden sich hier: Hauptmenü / Jüdisches Leben / Felix Blumenfelds Abschiedsbrief
Montag, 17.12.2018
Mit dieser Erklärung können Sie Mitglied werden

Download Faltblätter

Dr. Felix Blumenfelds Abschiedsbrief

Stolperstein vor dem ehemaligen Kinderkrankenhaus Park Schönfeld
Stolperstein vor der letzten Wohnung in der Fürstenstraße (heute Hugo-Preuß-Straße 35)
Die erste Seite des Abschiedsbriefes
 
 
Als 2013 im Zusammenhang der geplanten Verlegung eines Stolpersteins für Opens internal link in current windowFelix Blumenfeld Kontakte mit Nachfahren aufgenommen wurde, führte das zu einer kleinen Sensation. In den USA lag der hier bislang unbekannte Abschiedsbrief, den der von der Judenpolitik in den Tod getriebene Arzt, der bis 1933 in der Querallee 38 wohnte, an seine aus Deutschland geflohenen Kinder geschrieben hatte, um ihnen seinen Entschluss zum Freitod zu erklären und sich zärtlich von ihnen zu verabschieden. Am 25. Januar 1942 schied er freiwillig aus dem Leben.
In Sütterlin-Schrift verfasst und offenkundig an mehreren Tagen verfasst, war der Brief bei der Enkelgeneration, die das wohl nicht mehr lesen konnte, sicher verwahrt worden mit dem Vermerk: „Vaters Abschiedsbrief. Nie vergessen!“
Steven und Peter Bloomfield stellten ihn dem Verein Stolpersteine in Kassel zur Verfügung. Jochen Boczkowski und Hans-Peter Klein übertrugen ihn in lateinische Schrift. Die HNA berichtete und veröffentlichte auch den gesamten Wortlaut eines außergewöhnlichen Zeugnisses.
 
 
      " Innigst geliebte Kinder !
 
Worte reichen nicht aus, um all das Mißgeschick zu schildern, das über uns hereingebrochen ist, all‘ das zu sagen, was wir gelitten und erlitten. Über die großen Geschehnisse seid Ihr vielleicht besser unterrichtet als wir, denn wir wissen ja nur das, was in unserem Umkreis vor sich geht. Man schwebt immer in Angst und Sorge vor dem, was einem unvermutet passieren kann. Ein kleines Beispiel, eine Nebensächlichkeit, aber charakteristisch für die derzeitige Situation. Gestern Abend stand ich gegen ½ 6 Uhr an der Bordschwelle vor dem Bankhaus Wertheim am Königsplatz, um nach der Trambahn Ausschau zu halten. Da kam ein jüngerer Mann auf mich zu, dessen anständiges Außenkleid die innere Frechheit und Gemeinheit nicht vermuten ließ, an dessen Ausdrucksweise man aber den Sendboten der Gestapo erkennen konnte. Er schnauzte mich an ( durch den gelben Stern ist man ja sichtbar gemacht ). „Was stehst Du da? Mach Dich sofort runter vom Trottoir, Du Schwein!“ Als ich ihn ganz erschrocken ansah, sagte er: „ Ja, Du bist gemeint, guck nicht so frech und mach, daß Du weiterkommst.“ Kopfschüttelnd ging ich weiter und hörte nicht mehr, was er nachrief. Nur da ist niemand da, dessen gerechtes, menschliches Empfinden stärker wäre als die Angst, mag es sich dabei auch um einen Mann handeln, dessen Schaffen sich auch heute noch segensreich auswirkt und aus der Volkswohlfahrt nicht wegzudenken ist, und auf der anderen Seite ein Mann, dessen „Verdienst“ sich im Quälen und Bespucken unschuldiger Menschen erschöpfen. Aber der Meister und Führer läßt es zu!
 
Doch genug davon ! Laßt uns zur Hauptsache kommen ! Das Leben ist für mich nicht mehr tragbar! Meine ganze Hoffnung, an die ich mich geklammert hatte, war, herauszukommen aus dieser Hölle und in einer nahen oder fernen Zeit mit Euch vereint zu sein. Ich wage nicht mehr mit dieser Hoffnung zu rechnen. Denn mit den Jahren des Krieges nehmen auch meine Lebensjahre zu. Das Schlimmste aber im gegenwärtigen Moment ist, daß man aus reiner Willkür mich meines ganzen Vermögens beraubt hat und mich auf meiner Hände Arbeit oder auf die öffentliche Wohlfahrt verwies. Im Nachgang dazu hat man auch „die Frau des Juden enteignet“, obgleich seit 1939 gesetzliche Gütertrennung bestand, also hier keinerlei gesetzliche Handhabe vorlag. Leni war in Berlin und hat Aussicht, einen Teil ihres Vermögens wieder zu bekommen, wenn sie sich scheiden läßt. Ich will dieser Scheidung zustimmen, um Lenimutters Existenzmöglichkeit durch meine Person nicht immer von neuem zugefährden. Dann aber hat mein, nicht durch eigene Schuld, verpfuschtes Leben erst recht seinen Sinn verloren, zumal man nicht weiß, was man noch alles mit uns anstellen wird.
Der Tod erscheint mir unter diesen Umständen begehrenswerter, als ein Dasein mit immer neuen Qualen. Ich gehe deshalb aus dieser Welt der Gemeinheit, Niedertracht und Unmenschlichkeit, um einzuziehen in den ewigen Frieden, und den Pfad suchend, der aus dem Dunkel zum Licht führt.
Meine letzten Gedanken gehören meinem treuen Kameraden, auf oft dornenvollem Wege, und Euch meine geliebten Kindern, mein Edgar, Gerd, Annchen, Lotte und Kleiner Gerard ! Ihr werdet bei mir sein in der Stunde, die Kraft und Mut verlangt. Besonders mit Dir mein Gerd, hätte ich noch
gerne eine Zwiesprache gehalten, Du Lieber, Du Guter ! Bleibe so brav, wie Du es bisher gewesen, und sei Du es, der dafür sorgt, daß Ihr immer treu zusammen haltet. Dann bin ich stets in Eurer Mitte und bleibe ewig mit Euch verbunden. Schreitet, ohne rückwärts zu schauen, vorwärts und baut Euch ein schöneres Leben in einer hoffentlich besseren Welt auf. Möge es Euch ein tröstlicher Gedanke sein, daß Euer Vater nach seinem Heimgang aller Angst, Sorge und Pein enthoben ist. Wir bleiben doch vereint ! ! Ihr werdet mich niemals vergessen, das weiß ich, denn meine Liebe für Euch war, ist und wird unendlich sein.
 
V a t e r
 
 
18 / 1. 42 Obige Zeilen hatte ich vor mehr als 14 Tagen geschrieben. Inzwischen waren Cahns hier um mit mir zu beratschlagen, denn für mich besteht ja Reiseverbot. Ich glaubte immer noch an eine Wendung der Dinge, an ein Wunder. Aber das kommt nicht. Im Gegenteil. Die Lage hat sich in der Zwischenzeit sehr verschärft. Seit September arbeite ich als Hilfsarbeiter bei dem Tiefbauamt. Jeden Tag 12 Stunden unterwegs. Vor wenigen Tagen bin ich zum Reinigungsamt kommandiert und soll hinter dem Zuchthaus in Wehlheiden, wo die Müllberge sind, den Müll, den die Fuhrwerke fortlaufend entladen, sortieren. Bei dieser Kälte ! Und überhaupt ! Das kann ich nicht, und will ich nicht. Ganz abgesehen davon, daß meine Kräfte nicht mehr ausreichen, und ich bin am ersten Tag gleich zusammengeklappt Nun bin ich krank geschrieben. Aber danach fängt die Quälerei doch wieder an.
Wie Ihr wißt, sind Zehntausende von Juden nach dem Osten abtransportiert worden. Noch weiß man nichts über ihr Schicksal. Aber Hunger u. Kälte werden schon viele dahingerafft haben. Von Levi’s Walter sind auch keine Nachrichten eingetroffen. Jeder hat Angst vor dem kommenden Tag, vor dem nächsten Transport, der einen dann auch erfasst. Und dann die Scheidung, auf der die Gestapo besteht, wie überhaupt alle Mischehen ohne Kinder angeblich getrennt werden sollen. Ich muß dann sofort aus dem Haus und irgendwo Unterschlupf suchen. Sagt jetzt, ist das für mich tragbar ? ? Unsere Ehe galt auch immer in Eueren Augen als eine harmonische, schöne und geheiligte. So soll es auch bleiben! Keine Scheidung, sondern nur der Tod soll der Gemeinschaft ein Ziel setzen. Damit muß man allerdings auch die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Euch aufgeben. Aber wer weiß, wie lange dieser Krieg dauert, und was bis dahin für die Juden in Deutschland passiert, ist kaum auszudenken. Man wird vor keinem Mittel der Vernichtung zurückschrecken. Da ist es hoffentlich auch im Sinne meiner Söhne ehrbarer und charaktervoller von der Bildfläche zu verschwinden, und lieber freiwillig als ein Toter das Haus zu verlassen, als von den Schergen der Gestapo hinausgejagt zu werden. Ihr und ich gehören uns immer und ewig.
 
V a t e r "
 
An den Rand geschrieben:
"Mein Wunsch, meine Hoffnung & mein Vermächtnis ist, daß Mutter zu Euch kommt."
 
 
(Brief im Privatbesitz; Kopie im Archiv des Vereins Stolpersteine in Kassel)
[letzte Aktualisierung: 29.06.2016]