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Mittwoch, 19.12.2018
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Die Vereinigung Wehlheidens mit Cassel

 
Mit der Vereinigung Wehlheidens mit Kassel 1899 kamen große Teile des heutigen Vorderen Westens zu Kassel, die zur Gemarkungs Wehlheiden gehören. Um die Jahrhundertwende wurde die Stadt so Großstadt mit mehr als 100.000 Einwohnern.
 
Die maßgeblich von Sigmund Aschrott betriebene Stadterweiterung nach Westen erreichte spätestens in den 1890er Jahren die entlang der Querallee verlaufende Grenze zur Gemarkung der Gemeinde Wehlheiden. Hier hatte Aschrott Land von Wehlheidener erworben, die Grundbesitz nördlich der Wilhelmshöher Allee besaßen, und er trieb dort die Kasseler Stadterweiterung mit dem „Hohenzollernviertel“  also auf dem Gebiet des noch selbstständigen Dorfes voran.
 
 
"Plan der Gegend von Cassel", ca. 1835/40. Am oberen Bildrand der Höllenküppel (Elfbuchenstraße), die Stadtkaserne dort, wo heute die Königstorhalle steht. Die Wilhelmshöher Allee führt Kasseler auf dem Weg nach Wilhelmshöhe durch Wehlheiden. Hier stehen einige Häuser, zum Teil Sommerhäuser wie das der Brüder Murhard.
Die Stadterweiterung Kassels aus der Vogelperspektive. Bild auf einem Geschenk Aschrotts an den Kaiser, das nie überreicht wurde (in den Einzelheiten nicht realistisch, da es in Berlin gemalt wurde.) Stadtmuseum Kassel
Fluchtlinienplan aus der zweiten Hälfte des 19. Jhs. mit dem Bereich Querallee und der Gemarkungsgrenze
 
Dabei hatte die mit fast 10.000 Einwohnern größte Landgemeinde Nordhessens am Ende des Jahrhunderts  ihren dörflichen Charakter bereits weitgehend verloren. Zunehmend entstanden städtische Mietshäuser – vor allem am Kirchweg, an der Schönfelder Straße und auch der Kohlen- und Tischbeinstraße. Zu den Bewohnern zählten nur noch sechs Landwirte, die lediglich über 24 Hektar Grundbesitz verfügten. Ehemalige Bauern fanden neue Tätigkeiten in der Baubranche, anderen verhalf der Verkauf ihres im Wert enorm gestiegenen Grundbesitzes mitunter zu einem wohlstandsbürgerlichen Lebensstil als Privatiers. Manche investierten ihre Verkaufserlöse aber auch selbst als Bauherren im neu entstehenden Stadtteil. Dort entsteht mit der Adventskirche die erste eigene protestantische Kirche der Gemeinde – auf einem von Aschrott geschenkten Grundstück, während an der Herkulesstraße  der Bau einer neuen Schule, dem Bevölkerungswachstum und der damit gestiegenen Zahl von Kindern Rechnung trägt (heute Herkulesschule).
 
 
Das Schulgebäude in der Herkulesstraße musste bereits neun Jahre nach seiner Einweihung 1893 erweitert werden (Der Plan von 1902 zeigt die Erweiterung mit dem höher gezogenen Giebel rechts.) Stadtmuseum Kassel - Bild rechts: Die 1889 eingeweihte Adventskirche um 1900 (Stadtmuseum Kassel)
Das bereits am Ende des 18.Jhs. errichtete Sommerhaus der Brüder Murhard an der Wilhelmshöher Allee 62 im Volksmund "Wehlheider Schlösschen"
Die 1873 erbaute Postfiliale an der Wilhelmshöher Allee 122 zwischen Pestalozzistraße und Kirchweg
 
Auch die 1892 neu gegründete Wehlheidener katholische Gemeinde fand - allerdings erst nach der Vereinigung mit Kassel - mit einem eigenen Kirchenbau, der Rosenkranzkirche, einen Platz am Neumarkt (heute August-Bebel-Platz) im Vorderen Westen. Aschrott stiftete das Grundstück für die Kirche und das benachbarte Gemeindehaus und finanzierte eine Aufstockung des Turmes, um die Wirkung des neoromanischen Gebäudes zu steigern.
 
 
Grundsteinlegung der Kirche 1899 (Stadtmuseum)
Die fertiggestellte, noch "einsam" dastehende Kirche (Stadtmuseum)
 
Dorfbewohner investieren im Vorderen Westen
 
Heinrich Dippel gehörte zu denjenigen, die durch den Verkauf von Äckern und Wiesen an Aschrott, mit dem er engen Kontakt pflegte, zu Wohlstand gekommen waren. So ausgestattet, errichtete er bereits Anfang der 1870er Jahre am Kirchweg 67 ein Haus, in dem er im Erdgeschoss die Gaststätte "Zum Jägerhof" eröffnete. Zu dieser Zeit stand es noch einsam im Vorderen Westen zwischen der 1875 eingeweihten Infanteriekaserne (heute Samuel-Beckett-Anlage) und Diakonissenhaus. Jahre später baute Dippel daneben an der Ecke Kirchweg/Bebelplatz das Haus Kirchweg 69, das nun den Vorstellungen Aschrotts einer großstädtischen Bebauung entsprach und in das der "Jägerhof" umzog (noch heute sichtbar am Geweih an der Hausfront).
 
 
 
Die Vereinigung: Es wächst zusammen, was zusammen gehört
 
Das städtisch geprägte Wachstum Wehlheidens führte zu Problemen insbesondere im Bereich der Trinkwasserversorgung und der Kanalisation, die ohne die benachbarte Stadt Kassel nicht zu lösen waren. Einer Phase der Zusammenarbeit auf diesem Gebiet folgten daher zwangsläufig Verhandlungen zur Eingemeindung unter dem Vorsitz des Regierungspräsidenten, die schließlich in den „Vertrag betreffend die Vereinigung der Landgemeinde Wehlheiden und der Residenzstadt Cassel zu einer Stadtgemeinde“ mündete – gegen den Widerstand des Landkreises. Im März 1899 verabschiedete der Preußische Landtag ihn als Opens external link in new windowGesetz, das am 1. April in Kraft trat.
 
 
 
 
 
 
Karikierendes Gemälde des Vereinigungsaktes von Walter Merckel (Foto Eberth, Stadtmuseum – das Gemälde ist verschwunden). Blick von der Schönfelder- in die Kohlenstraße.  Bürgermeister Wittrock übergibt dem Kasseler Stadtrechtsrat Karl Brunner (später Bürgermeister) in Vertretung des erkrankten Oberbürgermeisters Westerburg, der maßgeblich an den Vereinigungsverhandlungen beteiligt war, einen Schlüssel und die eingerollte Urkunde.
 
 
Der Vereinigungsvertrag
 
Mit dem Vereinigungsvertrag schied die Landgemeinde Wehlheiden aus dem Landkreis Kassel aus. In Wehlheiden galt fortan – zunächst mit einigen Ausnahmen – Kasseler Recht. Die Gemeindeangehörigen wurden damit im Hinblick auf alle Rechte und Pflichten denen Kassels gleichgestellt, was für viele Menschen Vorteile z. B. beim Zugang zu dem Gemeinwohl dienenden Einrichtungen bedeutete. Auch im Hinblick auf kommunale Steuern und Abgaben – wie Bier- und Branntweinsteuer – traten die günstigeren Kasseler Bestimmungen in Kraft. Bis auf den Bürgermeister übernahm Kassel die Gemeindebeamten Wehlheidens in ihren Dienst, Polizeibeamte wurden vom Staat übernommen.
Das Vermögen Wehlheidens wurde mit dem Kassels vereinigt. Die neue Stadtgemeinde übernahm damit alle Rechte und auch Verbindlichkeiten Wehlheidens als deren Rechtsnachfolgerin. Kassel übernahm so auch das Wasserwerk und verpflichtete sich, das Kanalnetz auf dem gesamten Gebiet Wehlheidens auszubauen, insbesondere entsprechenden Verpflichtungen aus Verträgen mit Aschrott nachzukommen.
Kassel übernahm die Schulen der bisherigen Gemeinde Wehlheiden und verpflichtete sich, innerhalb von fünf Jahren ein drittes Volksschulgebäude zu errichten, was mit dem Bau der Schule in der Gräfestraße auch geschah.
Die Stadt Kassel verpflichtete sich zudem, jährlich nicht unerhebliche Mittel aufzuwenden, „um die Verkehrsverhältnisse, insbesondere die Straßen, Wege und Plätze im Bezirk Wehlheiden, und namentlich in dem Theil südlich der Wilhelmshöher Allee zu verbessern.“
Politisch erhielt Wehlheiden für die Dauer von zwei Wahlperioden als eigener Wahlbezirk einen Sonderstatus.  Die Zahl der Stadtverordneten wurde um sechs erhöht, die aus Wehlheiden stammen mussten. Außerdem musste ein (zusätzliches) unbesoldetes Magistratsmitglied im Gemeindebezirk Wehlheiden gewählt werden.
 
Alles in allem waren dies wohl Bestimmungen, die für die ehemalige Landgemeinde eine Reihe von Vorteilen mit sich brachten. Ende März feierte man unter Beteiligung der zahlreichen Vereine in Wehlheiden mit „freudiger Begeisterung „Abschied von unserem alten, lieben Dorf“, wie die an der Wilhelmshöher Allee ansässige „Hessische Dorfzeitung“ schrieb.
 
 
Quellen und Literatur
Wehlheiden. Vom Dorf zum Stadtteil. 100 Jahre Vereinigung mit Kassel, bearb. von Axel Engelhardt, Alexander Link und Peer Schröder, Kassel 1999 (Schriften des Stadtmuseums Kassel Bd. 8)
Frank-Roland Klaube, „miteinander vereinigt“. Zur Geschichte der Kasseler Eingemeindungen, Gudensberg 2006
[letzte Aktualisierung: 16.10.2016]