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Montag, 17.12.2018
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Das „Wehlheider Schlösschen“

Kassel zur Zeit des Königreichs Westphalen. An die - zu dieser Zeit - „Neuen Napoleonhöher Allee“ (Wilhelmshöher Allee) grenzen Gärten an, in denen zum Teil Sommerhäuser stehen, so auch unmittelbar an der Einmündung der „Alten Napoleonshöher Allee“ (Königstor) das Haus der Brüder Murhard. (Zeichnung: Gustav Eisentraut, ZHG Bd. 49, 1916)
1939: Vor dem Murhardschen Haus sind die Bürgersteigplatten bereits entfernt, um den Abriss des Hauses vorzubereiten. Foto: Eberth
Entwurf der Stadt für den Wilhelmsplatz (Rathenauplatz) 1937, der das „Wehlheider Schlösschen“ retten sollte, indem ihm gegenüber das Schlösschen Monbijou angeordnet worden wäre. Nicht realisiert.

„Keimzelle“ der Murhard'schen Bibliothek

 
„Der auch dem Führer vorgelegte Entwurf über die städtebauliche Neugestaltung der Wilhelmshöher Allee sieht vor, dass die einzigartige städt­e­­bauliche Monumentalachse in gewissen Abständen durch platzartige Erweiterungen aufgelockert werden soll. Eine solche Erweiterung stellt auch der neue Wilhelmsplatz dar, der zukünftig statt der runden eine langgestreckte Form haben soll, wobei der Neubau des Finanzamtes die neue Baufluchtlinie bildet. Das Murhard-Haus springt aus dieser neuen Flucht heraus…“.  Mit dieser Begründung verschwand Ende 1939 das allgemein „Wehlheider Schlösschen“ genannte Haus am Rande des Platzes, das vor allem an zwei große Söhne der Stadt, die Brüder Murhard erinnerte, aber auch an die Anfänge der Wilhelmshöher Allee.
Nachdem diese in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts endgültig an die Stadt angeschlossen worden war, errichteten ihr entlang Kasseler Bürger in ihren Gärten Sommerhäuser außerhalb der Stadt, die sich mitunter zu Villen und kleinen Schlösschen entwickelten. Aus dem Jahre 1790 stammt die erste Nachricht über das Fachwerkhaus in der Wilhelmshöher Allee 62, das die Brüder Murhard am 3. Oktober 1808 erwarben und neben ihrer Stadtwohnung bewohnten.
Im Jahr 1863 ging das Haus durch den Tod von Karl Murhard in die Hände der Stadt Kassel über, denn die Brüder hatten in ihrem Testament ihren sämtlichen Besitz der Stadt zugesprochen. Beim Abriss im Jahre 1939 waren die Bewohner weniger prominent, drei waren Witwen, daneben gab es einen Kaufmann und eine Büglerin.
Auf dem als englischer Park angelegten Grundstück zwischen Murhardstraße und Querallee stand das im klassizistischen Stil erbaute Haus an der Ecke Wilhelmshöher Allee/ Murhardstraße und war parallel zur Wilhelmshöher Allee ausgerichtet. Es wies elf Achsen und zwei Geschosse auf. Über dem Erdgeschoss befand sich ein Architrav, der die Geschosse sichtbar voneinander trennte. Über den drei mittleren Fenstern über dem Hauseingang befanden sich Pilaster mit Rundbogenblenden. Ein Balkon über dem Hauseingang, der sich auf Säulen stützte, wurde früh abgerissen. Im 20. Jahrhundert wurde das Haus zweimal renoviert, 1912 und 1926, wobei man dem Originalzustand nicht gerecht werden konnte.
GhK-Bibliotheksdirektor Dr. Kahlfuß stellte lange nach dem Abriss fest, dass das „Wehlheider Schlösschen“ als Keimzelle der Murhard'schen Bibliothek zu betrachten sei, war doch dort die riesige und wertvolle, mit dem Vermögen an die Stadt verschenkte Bibliothek der beiden liberalen Brüder lange beheimatet gewesen, bevor sie 1905 am Fürstengarten ein eigenes Haus fand.
Durch die Ära Murhard genoss das Haus ein hohes Ansehen und umso mehr wurde der Abriss des „Wehlheider Schlösschens“ in der Presse bedauert - nicht ohne Rücksicht zu nehmen auf diejenigen, die ihre Macht zugunsten einer nationalsozialistischen Stadtplanung rücksichtslos durchsetzten: „Nun muss Abschied von dem alten Murhard'schen Haus genommen werden. Es wird den Freunden Alt-Kassels nicht leicht werden, aber man wird sich mit ihm abfinden in dem Bewusstsein, dass die neue Zeit Raum braucht, um sich selbst in städtebaulichen Schöpfungen darzustellen …“
Dabei war noch während der Planungen zum Umbau der Wilhelmshöher Allee für die Liebhaber des Schlösschens ein Funke Hoffnung aufgekeimt. Man hatte 1937 überlegt und geplant, ihm gegenüber als Pendant das Schlösschen „Monbijou“ aufzustellen, ein Haus, das zu diesem Zeitpunkt noch in der Wilhelmshöher Allee 26/Ecke Weigelstraße stand, einige Meter vom „Wehlheider Schlösschen“ in Richtung Innenstadt entfernt. Durch die architektonische Ähnlichkeit hätten diese zwei Bauwerke ähnlich wie die Torwachen am Beginn der Wilhelmshöher Allee gewirkt. Verwirklicht wurde dieser Plan nicht, der uns heute ein Haus der 18. Jahrhunderts hinterlassen hätte - denn es wäre - wahrscheinlich - wie das Finanzgebäude in unmittelbarer Nachbarschaft von den Bomben des Zweiten Weltkrieges verschont geblieben.
 
aus: Wolfgang Matthäus (Hg.), Plätze im Vorderen Westen. Geschichte(n) eines Kasseler Stadtteils, Kassel 2010 (Schriften der Werkstatt Geschichte an der Albert-Schweitzer-Schule Kassel  Heft 8)
 
Literatur
 
Wiegand, Thomas: Kulturdenkmäler in Hessen: Stadt Kassel II. Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden 2005
[letzte Aktualisierung: 15.10.2016]