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Sonntag, 16.12.2018
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Straßennamen im Wandel der Zeit

 
 
Straßennamen schaffen Orientierung im Raum. Dem Fremden helfen sie, sein Ziel am unvertrauten und unübersichtlichen Ort zu finden. Die Namensgeber von Straßen und Plätzen schaffen damit aber nicht nur Orientierung im Raum, sondern auch Orientierung in der Zeit, in der Geschichte. Straßenschilder sind vielleicht kleine Denkmale im öffentlichen Raum. Sind sie nicht einfach nach Ortsbezeichnungen oder Flurnamen gewählt (im Vorderen Westen z. B. die Tannenstraße), dann sehr oft nach Personen, manchmal auch nach Ereignissen, mitunter nach politischen Zielen - wie der "Platz der Deutschen Einheit" in Kassel. Damit wird darüber befunden, wer oder was der Würdigung wert ist, an welche Geschichte öffentlich erinnert werden soll. In Straßennamen begegnet uns die Geschichte in einer Interpretation derer, die darüber entscheiden, was im kollektiven Gedächtnis einer Stadt aufbewahrt sein soll und - vielleicht viel wichtiger - was nicht. Bewusst oder unbewusst ist jede Benennung einer Straße eine politische, eine “geschichtspolitische” Entscheidung, auch wenn die Zielsetzung, hinter einem Namen eine Bedeutung zu sehen, wahrscheinlich nicht sehr oft tatsächlich erreicht wird. Im Vorderen Westen, einem im Auftrag Aschrotts auf dem Reißbrett entworfenen Stadtteil mit der damaligen Chance viele Straßen neu zu benennen, finden wir Straßennamen, die die Zeitläufte überdauert haben. Wir finden veränderte Namen, wir stoßen auch darauf, dass eine Straßenumbenennung unter politischen Vorzeichen nur einige Zeit Bestand hatte. Aber immer wird in der Interpretation der Namensgebung deutlich, dass dahinter ein politisches Programm steckt.
 
Im Ursprung verweisen die Straßennamen, die wesentlich vom Stadtteilgründer Sigmund Aschrott bestimmt oder vorgeschlagen wurden, auf die preußische Dynastie: Die wichtigste Achse, die die alte hessische Residenzstadt mit der neuen, der seit einiger Zeit preußischen Stadt verband, war nach den Hohenzollern benannt - wie auch der Stadtteil als "Hohenzollernviertel". Eine Verneigung vor der hessischen Geschichte sind sicherlich die Straßennamen, die auf die Familien der hessischen Ritterschaft,  Militärs oder Bürokraten im Dienste der Landgrafen oder Kurfürsten verweisen. Der Kaiser, Landgrafen, ein Hesse auf dem schwedischen Königsthron, Markgrafen, Prinzen, Regenten, Offiziere und hohe Staatsbeamte im preußischen oder hessischen Dienst, Dichter, die zumeist für die nationale Sache stehen: Sie alle waren eines Straßennamens würdig. Das ursprüngliche Straßenverzeichnis des Hohenzollernviertels gibt eine nationalistische Sicht der deutschen Geschichte, die dem vorherrschenden Geist der Bewohner der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts entsprochen haben dürfte, wie das Wahlverhalten im Vorderen Westen am Ende der Weimarer Republik zeigt. 80 Prozent standen hinter den Deutschnationalen und den Nationalsozialisten - mehr als in jedem anderen Kasseler Stadtteil.
Auf die Rolle Aschrotts für den heutigen Stadtteil verweisen Straßenbezeichnungen, die direkt an seine Familie erinnern (Anna-, Olga- und Reginastraße und natürlich Aschrottstraße)), wie auch solche, mit denen er preußische Beamte würdigte, die seine stadtplanerischen Vorhaben unterstützten.
In der Zeit der Weimarer Republik fanden kaum Umbenennungen statt. Die heutige Huttenstraße und der Huttenplatz wurden z. B. nach dem ersten Reichspräsidenten und Sozialdemokraten Friedrich Ebert benannt, womit eine demokratische Tradition gestiftet werden sollte. Auf der anderen Seite verbeugte man sich schon zu Beginn der Republik vor dem Monarchisten und General Hindenburg, indem man ihn zum Namenspatron des bis dahin Neumarktes machte, des heutigen August-Bebel-Platzes.
Im Bündnis mit den Nationalkonservativen (auch des Vorderen Westens) an die Macht gekommen, hatte die nationalsozialistische Stadtregierung kaum Probleme mit den Straßennamen des Westens. Natürlich musste Friedrich Ebert weichen und machte Ulrich von Hutten Platz, und die Bezeichnungen, die auf Menschen jüdischer Herkunft verwiesen, wurden ersetzt. Der Gründer des Vorderen Westens, Sigmund Aschrott wurde zwischen 1935 und 1938 ebenso aus dem Straßenbild getilgt (Aschrottstraße, Aschrottüark, Aschrottheim, Aschrottbrunnen am Rathaus) wie Salomon Hermann von Mosenthal, an dessen Stelle Schenkendorf trat.
Nach dem Ende der NS-Herrschaft trugen zunächst die Alliierten die Verantwortung. Auf ihre Initiative hin und mit ihrer Zustimmung verschwanden im Juli 1945 die ausdrücklich nationalsozialistischen Namen aus dem Straßenverzeichnis. Im Vorderen Westen war davon keine Straße betroffen, allerdings das ursprünglich Oberrealschule genannte Gymnasium in der Kölnischen Straße, das man zur Adolf-Hitler-Schule gemacht hatte. Es wurde aufgelöst und in der Stadt verwies nun kein Name einer Straße oder eines Platzes mehr auf Adolf Hitler, Horst Wessel, Hans Schemm oder die lokalen Größen des Nationalsozialismus wie Lengemann und andere.
Den Demokratisierungsprozess, der von den Deutschen verlangt wurde, die demokratische Gesinnung derjenigen, die nach 1945 die Geschicke der Stadt lenkten, bringt die ziemlich radikale Umbenennung des Jahres 1947 zum Ausdruck. Auch im Vorderen Westen mussten eine ganze Reihe von Straßennamen weichen, machten Platz, um an die demokratischen und sozialistischen Traditionen der deutschen Geschichte erinnern  zu können. Frühe Sozialisten wie Weitling wurden ebenso gewürdigt wie Marx, Kautsky oder Mehring und Bebel. Einen Teil dieser Umbenennungen machte man jedoch bereits zwei Jahre später, 1949, wieder rückgängig. Der Friedrich-Ebert-Platz, zu dem man den zentralen Platz in der Innenstadt, den Friedrichsplatz, gemacht hatte, erhielt seinen alten Namen. Offenbar als “Entschädigung” wurde die zwei Jahre zuvor zur Karl-Marx-Straße gemachte ehemalige Hohenzollernstraße nach ihm benannt - allein der Karl-Marx-Platz (Hohenzollernplatz) überlebte den Magistratsbeschluss. U. a. Mehring, Kautsky und Erzberger behielten ihre Straße nicht, wie auch ein Anführer im deutschen Bauernkrieg, Florian Geyer, nach dem die Hardenbergstraße benannt worden war, vom Stadtplan wieder verschwand. An der Situation des Jahres 1949 hat sich seitdem wenig geändert und so bieten die Straßennamen des Vorderen Westens ein Mosaik aus verschiedenen Versuchen der Traditionsstiftung. Die letzten entstanden mit der „Samuel-Beckett-Anlage“ und dem neu geschaffenen „Dr. Lilli-Jahn-Platz“ vor der Adventskirche.
 
Frühere Namensgebungen heutiger Straßen und eine Liste der Umbenennungen finden Sie im Untermenü.
 
Eine Erläuterung der früheren und heutigen Namensbezeichnungen finden Sie in:
Werkstatt Geschichte an der Albert-Schweitzer-Schule: Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen - Straßennamen, Geschichte und „Geschichtspolitik“. Kassel 2005
[letzte Aktualisierung: 16.10.2016]