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Montag, 17.12.2018
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Staatsstreichaktion im Vorderen Westen

 

Der 20. Juli 1944

 
 
Am 20. Juli 1944 erlebte das Generalkommando seine wahrscheinlich dramatischsten Stunden, als nach dem Attentat auf Adolf Hitler die von einigen wenigen seiner Stabsoffiziere in den Jahren zuvor gründlich vorbereiteten Maßnahmen zum Umsturz in Deutschland im Rahmen des Plans und Befehls „Walküre“ in Gang gesetzt wurden - auch von Offizieren, die zuvor nicht eingeweiht waren, denen aber Stauffenberg vertraute (wie Oberst Henning von Plate). Zu den Eingeweihten gehörten Oberst von Vethacke und Oberstleutnant Beck, vor allem aber in der Zeit vor dem Attentat Generalmajor von Nida, der schon seit 1935 Kontakt zu Widerstandskreisen, insbesondere den Brüdern Kaiser aus Kassel hatte, und dessen Personalpolitik darauf gerichtet war, im Sinne des geplanten Umsturzes vertrauenswürdige Offiziere um sich zu scharen. Obwohl Nida am 20. Juli selbst wegen eines Lazarettaufenthalts nicht aktiv im Dienst war, liefen die Maßnahmen im Rahmen der „Walküre“ reibungslos an. Peter Hoffmann, der den 20. Juli akribisch erforscht hat, urteilt: „Trotzdem war am 20. Juli der Wehrkreis IX besser auf den Umsturz gerüstet als die meisten anderen Wehrkreise.“ (Hoffmann, S. 545)
Nach dem Plan „Walküre“ ging es darum, in Konkurrenz zu Staat, Partei und SS die Macht zu übernehmen. Dazu sollten SS- und Parteiführung verhaftet, mussten die Nachrichtenverbindungen kontrolliert und alle Behörden und Dienststellen des Reiches der neuen Befehlsgewalt unterstellt werden. Zu diesem Zweck war das gesamte zur Verfügung stehende militärische Personal heranzuziehen, auch in Ausbildung befindliche Rekruten.
Am 20. Juli erreichten Kassel ganz unterschiedliche Nachrichten: etwa gegen 18.00 Uhr die von einem erfolgreichen Attentat auf Hitler (was gegen 19.30 Uhr bestätigte wurde), während Rundfunknachrichten und ein Funkspruch Keitels davon sprachen, dass Hitler am Leben sei. Gleichwohl gingen nach 21.00 Uhr die dem Plan „Walküre“ entsprechenden Befehle heraus. Das Generalkommando wurde durch Soldaten besonders gesichert, Vorbereitungen zur Verhaftung der Gauführer im Gebiet des Wehrbereichs wurden angeordnet. Alles schien reibungslos zu laufen. Als sich herausstellte, dass das Attentat gescheitert und was in Berlin geschehen war, wurden etwa zwei Stunden später die Befehle ausgesetzt. Nach Mitternacht erschien Gauleiter Gerland mit Gefolge vor Ort. Auch in Kassel war der Umsturzversuch gescheitert.
Hermann Kaiser
Ludwig Kaiser
 
 
 
Hermann und Ludwig Kaiser - Widerständler aus Kassel. Beide waren Bindeglied zwischen Offizieren im Generalkommando und den Verschwörerkreisen. Hermann Kaiser wurde am 17. Januar 1945 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 23. Januar  hingerichtet. Auf der Regierungsliste des Widerstands war er als Staatssekretär im Kultusministerium vorgesehen. Ludwig Kaiser brachte seine Beteiligung am Widerstand 10 Jahre Haft ein, aus der ihn die Alliierten im April 1945 befreiten - mit einer 100prozentigen Sehschwäche. Er starb 1978 im Alter von 89 Jahren

Ein Zeitzeuge erinnert sich

Interview mit Kurt Steinmetz vom 27.04.1994 (Auszug)

 
Wie spiegelte sich das, was führende Offiziere des Generalkommandos über den 20. Juli berichteten, auf der Ebene der Mannschaften, der „einfachen Soldaten“ wider? Kurt Steinmetz befand sich 1944 in einer Ausbildungskompanie zum Grenadier.
 
„Vor 50 Jahren war ich 18 Jahre alt und hier in Kassel in der Wittich-Kaserne stationiert. Da wir nach Jahrgängen einberufen wurden, waren meine Kameraden ebenfalls 18 Jahre alt. Die militärische Ausbildung haben wir hauptsächlich auf der Dönche ableisten müssen. Der Sommer 1944 war in doppelter Hinsicht eine harte Zeit: Zum einen war es sehr heiß, so dass wir während der Ausbildung fürchterlich geschwitzt haben, und es gibt wohl keinen Quadratmeter zwischen der Wittich-Kaserne und der Dönche, wo nicht Schweißtropfen unserer Kompanie zu finden waren; das zweite Problem waren die Bombenangriffe auf die Stadt. Diese hatten zwar im Oktober 1943 ihren Höhepunkt erreicht, aber trotzdem gab es fast jede Nacht Fliegeralarm und häufig auch vereinzelte Bombenabwürfe. Wir wurden fast jede Nacht, zwischen 23.30 Uhr und 2.30 Uhr, zum Herausgraben der Toten oder zum Freilegen der Trümmerstätten aus den Bett­en geholt.
Das bedeutete für uns junge Leute natürlich, bis an den Rand der körperlichen Erschöpfung zu kommen, denn um 5.30 Uhr war Zeit zum Wecken, wenn wir nachts heraus mussten, allerdings eine Stunde später. Auch die Ernährungslage war bereits so schlecht, dass die Belastungen nicht kompensiert werden konnten. Ich weise so ausführlich auf diese Bedingungen hin, um verständlicher zu machen, dass für uns junge Soldaten politische oder ideologische Erwägungen in den Hintergrund traten.
Am 20. Juli passierte nun folgendes: Wir waren tagsüber wieder zur Ausbildung auf der Dönche, als wir plötzlich zur Wittich-Kaserne zurückbeordert wurden, in der wir scharfe Munition ausgehändigt bekamen. In der damaligen Zeit war dies ein alarmierendes Zeichen, wir hatten noch niemals zuvor einsatzmäßig mit scharfer Munition geschossen. Als Erklärung wurde uns gesagt, die SA und die politischen Leiter, die spottweise „Goldfasane“ genannt wurden, hätten gegen den „Führer“ geputscht. Wir wurden nun zum Generalkommando abkommandiert, um die wichtigen militärischen Stellen zu schützen.
So lag ich nun mit meinem Maschinengewehr hinter den Büschen der heutigen Heinrich-Schütz-Schule und wartete auf die Leute in den braunen Uniformen. Für uns war es damals unvorstellbar, dass gerade diejenigen, die die Macht Hitlers mitbegründet und sie dann verwaltet hatten, ausgerechnet gegen ihn putschen sollten. Wir haben gewartet, aber sie kamen nicht.
Stattdessen erschien ein General, ich weiß nicht, ob es der befehlshabende General der Infanterie Schellert war, in das Generalkommando, in dem ein reger Betrieb herrschte. Natürlich wurde er von uns, er war ja immerhin General, problemlos durchgelassen. Allerdings wurden wir von ihm heftig zusammengestaucht, weil wir ihn ohne die Parole durchgelassen hatten.
Später wurden wir wieder abgezogen und konnten in die Kaserne zurückkehren. Wir konnten uns noch immer nicht vorstellen, dass es einen Aufstand gegen Hitler gegeben haben sollte, was - jedenfalls aus damaliger Sicht - sowohl Hoch- als auch Landesverrat gewesen wäre.
Am nächsten Morgen mussten wir, wie gewöhnlich, auf der Dönche üben. Unser Kompaniechef kam dann mit einer Zeitung zu uns, dem „Völkischen Beobachter“ oder der „Kurhessischen Landeszeitung“ und las uns vor, wobei ich die Zeitungsseite noch genau vor Augen habe, dass Reichsminister Goebbels eine Rede gehalten habe, in der er von einer verräterischen Clique von verbrecherischen Offizieren sprach, die einen Mordversuch gegen Hitler unternommen habe. Dann wurde uns noch vorgelesen, wer im Hof der Bendlerstraße in Berlin erschossen worden war.“ (Quelle: Adamski, S. 62f.)
 
Literatur:
Adamski, Peter (Hg.): Kassel und der 20. Juli 1944. Zusammenhänge, Ereignisse, Personen. Eine Dokumentation der Geschichtswerkstatt am Friedrichsgymnasium, Kassel 1994
Hoffmann, Peter: Widerstand, Staatsstreich, Attentat, Der Kampf der Opposition gegen Hitler, 4. Aufl. München Zürich 1985
 
entnommen aus:
Wolfgang Matthäus (Hg.), Plätze im Vorderen Westen. Geschichte(n) eines Kasseler Stadtteils, Kassel 2010
[letzte Aktualisierung: 17.10.2016]