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Montag, 17.12.2018
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Neues Bauen auf altem Grund

Hochhaus Goethestraße 15 mit anschließender Wohnbebauung (Foto G. Becker - Stadtmuseum)
Laubenganghochaus (Foto G. Becker - Stadtmuseum)
 
In der Diskussion um Wiederaufbau oder Neuaufbau, die nach dem Krieg in Deutschland intensiv geführt wurde, galt vielen die Katastrophe des zerstörerischen Nationalsozialismus auch als Chance einer grundlegenden Erneuerung, als Möglichkeit, mit modernen architektonischen und stadtplanerischen Ansätzen Neues zu schaffen. Für Kassel war diese Position dominierend.
 

Goethestraße 15

 
Auch in besonders stark zerstörten Teilen des Vorderen Westens hieß das Programm nicht Wieder-, sondern Neuaufbau. Mit dem Neubau Goethestraße 15 entstand das nach dem Haus in der Sophienstraße zweite Kasseler Wohnhochhaus mit anschließender Wohnbebauung, die sich - seit dem Abriss der Feuerwache - bis zur Westerburgstraße fortsetzt. (ZurOpens internal link in current window Zerstörung dieses  Bereichs kommen Sie hier.)
 
 
Goethestraße 15
Nicht realisierter Entwurf für die Goethestraße 15 von Paul Bode (Stadtmuseum)
Nicht realisierter Entwurf für die Goethestraße 15 von Paul Bode (Stadtmuseum)
Ursprüngliche Bebauung mit dem Elefanten als Blickfang
Ursprüngliche Bebauung mit dem Elefanten als Blickfang
Der Bereich zwischen Parkstraße (unten), Annastraße und Hohenzollernstraße vor dem Krieg.

Neuer Städtebau

 
Der Bereich zwischen Parkstraße und Königstor, Bismarckstraße und Goethestraße war durch eine sehr dichte gründerzeitliche Bebauung gekennzeichnet, bevor er fast vollständig in Trümmern fiel.
Der Neuaufbau gab gründerzeitliche Grundsätze des Städtebaus auf schuf eine offene Bebauung, die modern, hygienisch und zweckmäßig sein sollte und Wohn- sowie Geschäftshäuser vorsah.
Nördlich der Friedrich-Ebert-Straße in der Wiederaufbauzeit aus Westen aufgenommen. Unten die Annastraße. (Stadtmuseum)
Südlciher Bereich mit dem aus Trümmern aufgeschütteten "Badoglio-Hügel" (Motzberg) und beiden Laubenganghäusern. Die 1966 eingeweihte Sporthalle am Königstor steht bereits, die 1970/71 abgerissene Feuerwache an der Westerburgstraße steht noch. (Stadtmuseum)
Die neu errichteten Laubenganghochhäuser auf dem Badogliohügel (Motzberg). Blick von Süden.
 
Ähnliche Konzepte wie hier zum Neuaufbau für eine gemischte Nutzung verfolgte man auch in anderen Städten. Der Bereich ist heute als Gesamtanlage Kulturdenkmal aus geschichtlichen Gründen. (vgl. ausführlich: Wiegand, Denkmaltopographie, S. 198-201)
 

Denkmalwürdige neue Wohnhäuser (Luisenstraße 4)

 
Das Eckgebäude am Luisenplatz zur Luisenstraße, das 1961 fertiggestellt wurde und das gründerzeitliche Haus ersetzte, steht heute aus künstlerischen und städtebaulichen Gründen unter Denkmalschutz (Architekt: Helmut Richter).
Luisenplatz nach 1900
Im 2. Weltkrieg
2016

Gebäude der Commerzbank (Friedrich-Ebert-Straße 77)

 
Das von Caspar Scholten entworfene und 1959 fertiggestellte Gebäude an der Ecke Goethestraße / Friedrich-Ebert-Straße ist ein Blickfang. Der Stahlbetonskelettbau steht dort, wo sich bis 1943 das ebenso dominante ekklektizistische Gebäude im Besitz der Herkulesbrauerei befand, das auf zahlreichen Ansichtskarten aus dem alten Kassel abgebildet ist.
Zerstörter Gebäudeteil mit der Aula, die im alten Bestand verändert wieder errichtet wurde (Stadtmuseum)
 

Neues ergänzt Altes - Luisenschule

 
Das im Krieg teilweise zerstörte Gebäude wurde bis 1953 wieder aufgebaut und mit Erweiterungsbauten versehen. Dabei gingen Altes und Neues eine gelungene Verbindung ein - so die Würdigung in der Denkmaltopographie:
"Die Luisenschule ist in ihrem in der Gestaltung perfekt abgestimmtem Nebeneinander von Alt und Neu ein sehr gutes Beispiel für einen gelungenen Wiederaufbau. Wo nötig, wurden Bauteile deutlich voneinander geschieden, wo zweckmäßig, ließ man sie direkt ineinander greifen. Die unter leichten Veränderungen wiederhergestellte Ostfassade steht für die ursprüngliche Bauform, die gut propertionierte Westfassade für die Moderne. Die Schule ist einschließlich Turnhalle und der Einfriedung zur Luisenstraße Kulturdenkmal aus geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Gründen."
Alte Ostfassade
Neue Westfassade

Neues ergänzt Altes -

Friedrich-Ebert-Straße 124

 
Das im Krieg teilweise zerstörte Gebäude wurde "bis 1953 im Stil der Zeit, aber unter Bezugnahme auf den vorhandenen Bestand" wieder aufgebaut, wie T. Wiegand schreibt. Das Haus umfasst so neue und (zur Friedrich-Ebert-Straße hin) alte Bereiche.

Verzicht auf Rekonstruktion -

Adventskirche

 
Wie auch bei der Martinskirche verzichtete man beim Wiederaufbau der zerstörten Adventskirche bewusst auf eine historische Rekonstruktion, ein Verzicht, der die Auffassung zugrunde lag, dass die Verluste durch den Krieg nicht rückgängig zu machen sind, dessen Wunden sichtbar bleiben sollen.
So enthält die heutige, erst 1963 fertiggestellte Kirche mit dem Unterbau des Turms, dem Chor und der nördlichen Langhauswand Elemente des neogotischen Ursprungsbaus wie auch moderne des Wiederaufbaus. Dass das Gebäude einmal zerstört war, ist deutlich ablesbar.
 
 

Die Adventskirche war die erste eigene Wehlheidener Kirche (eingeweiht 1889). Das Foto entstand um 1900 (Stadtmuseum) - Im Oktober 1943 zerstörter Kirchenbau (Stadtmuseum)
 
Literatur
Thomas Wiegand, Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Kassel II, hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden 2005
Das neue Kassel. Fotografien des Wiederaufbaus von Günther Becker, Hg. Kasseler Fotoforum e. V., Kassel 2009
[letzte Aktualisierung: 13.11.2016]