Sie befinden sich hier: Hauptmenü / Prominente Mitbürger / Max Herrmann-Neisse
Sonntag, 16.12.2018
Mit dieser Erklärung können Sie Mitglied werden

Download Faltblätter

Max Herrmann-Neisse

eigentlich: Max Herrmann
Max Herrmann 1914
 
 
Der Dichter und Kritiker besuchte mehrfach den zeitweise im Vorderen Westen wohnenden Opens internal link in current windowKurt Finkenstein.
 
Der am 23.5.1886 in Neisse geborene Max Herrmann war schon als Gymnasiast in seiner Heimatstadt literarisch äußerst produktiv, verfasste unter anderem Gedichte und Theaterstücke. Der unter Kleinwüchsigkeit leidende Literat studierte in München und Breslau Literatur- und Kunstgeschichte. In München fand er Kontakt zur dortigen Bohème, besuchte häufig Theater, Kaberetts und Variétes. Als er 1909 nach Neisse zurückkehrte, um sich als freier Schriftsteller niederzulassen, war sein erster Gedichtband „Ein kleines Leben“ (1906) bereits erschienen.
 
Über den Jugendfreund Franz Jung und Alfred Kerr gewann er Anschluss an expressionistische Kreise, insbesondere auch Franz Pfemfert, an dessen Zeitschrift „Die Aktion“ er mitarbeitete. Hier wie auch im von Kerr herausgegebenen „Pan“ erschienen Gedichte, Prosa und Kritiken. Von seinem vehementen Protest gegen den Krieg zeugt eine ganze Reihe von Artikeln, die zwischen 1914 und 1918 in verschiedenen Zeitschriften erschienen. Für seinen 1914 erschienenen Gedichtband „Sie und die Stadt“ erhielt Herrmann 1924 den Eichendorff-Preis.
 
Nachdem der Vater 1916 gestorben war und seine Mutter sich 1917 in der Glatzer Neisse ertränkt hatte, zog er zusammen mit der gleichfalls aus Neisse stammenden Leni Gebek, die er 1917 geheiratet hatte, nach Berlin. In der Metropole fügte er seinem Namen den seiner provinziellen Heimatstadt an. In der Hauptstadt verkehrte Herrmann-Neisse in zahlreichen Künstlerkreisen und hatte auch Kontakt zu sozialistischen und anarchistischen Kreisen. Oskar Loerke, Alfred Kerr und Carl Hauptmann förderten ihn, eine Autorin wie Else Lasker-Schüler und Kritiker nahmen die vier Bücher, die er allein 1919 veröffentlichte, begeistert auf. Den Lebensunterhalt sicherte er auch durch journalistische Arbeiten, die Tätigkeit in einem Verlag oder durch Auftritte mit eigenen Texten in Kabaretts, woraus sich Kontakte unter anderem zu Claire Waldorff und Alfred Polgar ergaben. Im Verlauf der 20er Jahre wurde er zu einem der bekanntesten Berliner Literaten. Herrmann-Neisse, dessen Werk vor allem vom Expressionismus geprägt ist, „war vor allem Lyriker; daneben stehen dramatische Versuche, in denen er Elemente des absurden Theaters vorausnahm, sowie einige Romane und Erzählungen“. (Lorenz) Der Gerhart-Hauptmann-Preis würdigte sein Werk 1927.
 
Zu seiner Bekanntheit trug sicherlich auch seine kleinwüchsige Gestalt mit dem großen Kopf und den markanten Augen bei, die nicht nur einen Künstlerfreund wie George Grosz zu Porträts anregte. Einer satirischen Zeitschrift galt es als der „meistgemalte Mann im neuen Deutschland.“ "Von George Grosz bis klein ist er schon gemalt. Sein bismarckanter Asketenkopf, dem leider sogar die drei Haare fehlen, wirkt schon unstilisiert als hypermodernes Bild, ist selbst schon eigenwillige Manier. Mit Worten dieser phantastischen Charakteristik nahe zu kommen, ist unmöglich.“ („Das Stachelschwein“, Juli 1927, zit. nach Völker, S. 98)
Foto auf einem englischen Ausweis (Völker, S. 221)
 
Porträts von George Grosz, Georg P. Heyduck und Ludwig Meidner
 
 
Bereits kurz nach dem Reichstagsbrand, im März 1933, ging Max Herrmann-Neisse ins Exil. Über die Schweiz, die Niederlande und Frankreich emigrierte er gemeinsam mit seiner Frau nach England. Zusammen mit Ernst Toller, Lion Feuchtwanger und Rudolf Olden gründete er noch im gleichen Jahr den Exil-PEN. Den Lebensunterhalt sicherte mit Alphonse Sondheimer ein vermögender Gönner, der auch zum Geliebten seiner Frau wurde – ein Dreiecksverhältnis, das er in einem seiner Gedichte andeutete. Das meiste von dem Vielen, das er im Exil schrieb, blieb bis auf den Band „Um uns die Fremde“ (1936) zu Lebzeiten unveröffentlicht. Ausgebürgert und staatenlos starb Max Herrmann-Neisse am 8.4.1941 an einem Herzinfarkt und wurde in London beigesetzt.
 
Mit vielen in ihrer Zeit oft hellsichtigen und provozierenden Geistesverwandten teilte er das Schicksal, schnell und für Jahrzehnte vergessen zu werden, und wurde erst seit etwa den 1980er Jahren „wiederentdeckt“.
 
 

Max Herrmann-Neisse und Kassel

 
 
Gruß aus Kassel an Max Herrmann-Neisse
 
 
In den Jahren 1923-1930 besuchte Max Herrmann mehrfach für ein paar Tage Kassel, um seinen Freund Opens internal link in current windowKurt Finkenstein zu besuchen. Beide kannten sich seit 1914/15, als der Soldat und junge Poet Finkenstein in Neiße stationiert gewesen war, und waren Geistesverwandte. Finkenstein schätzte an Herrmann die pazifistische Gesinnung, die auch der in Kassel geborene und aufgewachsene Opens internal link in current windowHerbert Lewandowski teilte, den er gleichfalls im Ersten Weltkrieg kennen gelernt hatte. So schrieb Finkenstein 1919 über Herrmann:
 
„Zu einer Zeit, da die ‚jährenden‘ Häupter der deutschen Literatur, G. Hauptmann und R. Dehmel, und in deren Gefolge all die Schreibfexe, 3.-7. Güte, ihre zahlreiche Anhängerschaft durch kannibalenhaften Radomontaden gegen die Mitmenschen jenseits der Grenzpfähle aufs bitterste enttäuschten, schrieb der damals in dem Militärkäfig Neiße lebende, unbekannte M. H., in deutschen und ausländischen, besonders Schweizer Zeitschriften Verse und sehr kräftige polemische Prosa gegen das Grauen einer von allen heiligen Geistern verlassenen Epoche…“ (zit. nach Gessner u. a., S. 3)
 
Alle drei waren auch über die undogmatisch linke, literarische und politische Zeitschrift „Die Aktion“ verbunden, die  von Franz Pfemfert herausgegeben wurde. Während des Ersten Weltkrieges gelang es ihr als einziger Zeitschrift - trotz zeitweiliger Verbote und unter den Bedingungen der Zensur - der literarischen und künstlerischen, antimilitaristischen Opposition Ausdruck zu verleihen. In dieser Zeitschrift veröffentliche 1919 der in Wehlheiden geborene Opens external link in new windowKurt Kersten seine aus eigener Kriegserfahrung gewonnene, publizistische Abrechnung mit dem falschen Heroismus des Krieges in der Betrachtung „Vom ,Heldentode‘“ (Die Aktion Jg. 1919,Nr. 14/15).  
 
Über eine Postkarte hinaus sind Spuren und Belege für Herrmanns Besuche in Kassel kaum zu finden, wie Elisabeth Gessner, Horst Paul Kuhley und Armin Ohlwein nach intensiven Recherchen resümieren. Klaus Völker dokumentiert diese von dem Kunstprofessor Opens external link in new windowAlfred Vocke und Kurt Finkenstein sowie dessen Frau Elfriede mit Grüßen versehene Postkarte an Herrmann, die die einzigen beiden Häuser der Thomasstraße der Kasseler Altstadt in einer Zeichnung von Vocke auf der Rückseite der Karte zeigen, auf deren Vorderseite eine Fotografie der Marktgasse mit dem Grimm’schen Haus abgebildet ist: Orte, die im Bombenkrieg für immer verschwanden. Hier, im  Haus „Zum schmalen Handtuch“, wie es auf der Karte heißt, lebte die Schneidermeisterin und Puffmutter Beidick.
 
Kassel war für Herrmann „ein nettes altes Residenzstädtchen mit engen, hügeligen Gäßchen, großen Plätzen, alten Schlößchens und phantastischen Puffs“ (zit. nach Völker, S. 120). Mit dem Kreis von Freunden, die Finkenstein um sich geschart hatte, ging er abends ins Theater, um sich „Schmarren“ von Ludwig Fulda, Walter Harlan oder Eugen Ortner anzuschauen, danach war Gelegenheit, sich mit Schauspielerinnen anzufreunden. Dabei gehörte das „Schmale Handtuch“ zu den bevorzugten Kneipen und Puffs, in denen es „offen und ehrlich“ zuging und wo die Puffmutter Beidick „wundervolle Lebensgeschichten“ zu erzählen wusste oder eine „Nacktfrau“ mit ihren Äußerungen über den „kunstgeschichtlichen Wert ihres alten Hauses“ Erstaunen erzeugte. Die guten Gelegenheiten muss Herrmann aber, wie er – zurück in Berlin – mit Bedauern feststellte, schmählich verpasst haben. So Klaus Völker (S. 120) über das Leben einer Bohème im Kassel der zwanziger Jahre, das weitgehend in Vergessenheit geraten ist.
 
Literatur
 
Lorenz, Rosemarie: „Herrmann-Neisse, Max“ in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 692f.
Gessner, Elisabeth / Kuhley, Horst Paul / Ohlwein, Armin: Max Herrmann Neisse und Kassel, ein Werkstattbericht Opens external link in new window(pdf-Datei)
veröffentlicht in: Giblak, Beata und Wojciech Kunicki (Hg.): Auch in Neisse im Exil . Max Herrmann-Neiße. Leben, Werk und Wirkung (1886 - 1941). Schlesische Grenzgänger Bd. 5. 2012, S. 65 ff.
Völker, Klaus: Max Herrmann-Neisse. Künstler, Kneipen, Kabaretts – Schlesien, Berlin, im Exil, Berlin 1991
Opens external link in new windowWikipedia, Artikel "Max Herrmann-Neiße"
 
Alle Abbildungen sind entnommen aus dem Buch von Klaus Völker.
 
Wolfgang Matthäus

[letzte Aktualisierung: 09.01.2018]