Zwangsarbeit
Bereits seit 1933 schränkte der NS-Staat die Erwerbsmöglichkeiten der jüdischen Bevölkerung immer mehr ein oder unterband sie sogar ganz, wie bei Beamten, Rechtsanwälten und Ärzten oder auch Pferdehändlern. Im Gefolge der Novemberpogrome 1938 wurden Juden nach und nach aller noch verbliebenen Möglichkeiten der Existenzsicherung beraubt – unter anderem durch die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“. Damit einher ging die Erfassung der nun arbeits- und einkommenslosen Menschen durch die Reichsarbeitsverwaltung. Bereits seit Dezember 1938 bestimmte diese, dass sie zwangsweise zur Arbeit verpflichtet werden konnten. Seit März 1941 galt das für alle arbeitsfähigen Juden, also auch diejenigen, die bis dahin von geringen Ruhegehältern, Erspartem oder dem Einkommen des Ehepartners lebten. Die Arbeitsverwaltung vermittelte sie vornehmlich an Wäschereien, Bauunternehmen und Schrotthandlungen sowie das Städtische Tiefbau- und Reinigungsamt Kassel, wo sie ungeachtet ihrer Qualifikationen und Fähigkeiten als Hilfsarbeiter körperliche Arbeit zu leisten hatten – sicher auch in der Absicht, sie zu demütigen und zu demoralisieren. Beim Städtischen Tiefbauamt war die Arbeitszeit auf 48 Stunden wöchentlich festgesetzt bei einem Bruttostundenlohn von 0,57 RM, von dem noch Sozialausgleichsabgaben abgezogen wurden. Entlohnt wurde nur die tatsächlich geleistete Arbeitszeit.
In welchem Umfang das in Kassel geschah, ist bislang nicht ermittelt worden, vermutlich fehlen dazu auch die Quellen. Nach der letzten Deportation am 7. September 1942 nach Theresienstadt waren nur noch diejenigen Jüdinnen und Juden in der Stadt verblieben, die man auf Grund einer „Mischehe“ davon ausgenommen hatte, zudem ihre Kinder, die als „Mischlinge“ galten. Was Zwangsarbeit für diese bedeutete, mögen einige Beispiele von Bewohnern des Vorderen Westens verdeutlichen.
Berthold und Heinz Nordschild
Berthold Nordschild, gemeinsam mit seinem Bruder Siegmund Inhaber des Textilgroßhandelsunternehmens Gebr. Nordschild OHG in der Schomburgstraße, lebte mit seiner nichtjüdischen Frau Paula, dem Sohn Heinz und zuletzt auch seiner Stiefmutter Karoline bis 1941 in einer geräumigen Wohnung in der Dörnbergstraße 9. 1938 wurde er im Gefolge des Novemberpogroms im KZ Buchenwald mehrere Wochen inhaftiert, sein Geschäft musste er aufgeben. Aus seiner Wohnung vertrieb ihn die Wohnungsverwaltung 1941, zunächst in ein Zimmer einer Wohnung in der Admiral-Scheer-Straße 13 (Goethestraße). „Das Zimmer blieb uns 1 Jahr erhalten und wir (jetzt 3 Personen) bekamen danach ein 14 qm großes Zimmer, Entengasse 13, zugewiesen. (…) Nach weiteren 4 Monaten mussten wir auch dieses wieder räumen, um ein Zimmer im Hause Graben 17 zu beziehen, Dieses Zimmer lag halb im Keller und war so nass, dass ich mir ein Nierenleiden zuzog.“ Am Ende dieser Zwangsumzüge befand sich die Familie im Dezember 1942 in einer Baracke und hinter einem mehr als zwei Meter hohen Stacheldrahtzaun in Niederzwehren – der sog. „Judenbaracke“, die Jahre nach dem Krieg als Haftstätte anerkannt wurde.
Berthold Nordschild und sein Sohn Heinz, der jüdisch erzogen wurde, durften das Lager Wartekuppe nur zur Zwangsarbeit verlassen. Sie hatten seit Mitte September 1941 den gelben Stern zu tragen, waren damit in der Diktion der Gestapo „Sternträger“. Für sie galten vielfache einschneidende Einschränkungen, so z. B. das Verbot, Hauptstraßen und Plätze, Geschäfte und öffentliche Anlagen zu betreten. Der Stern sorgte für deren Kontrolle. Auch an ihrer Arbeitsstelle waren sie deshalb sofort als Juden erkennbar und schon deshalb nicht den anderen Arbeitskräften gleichgestellt. „Da ich Sternträger war, hatte ich viele Schikanen zu erleiden“, schrieb Heinz Nordschild lakonisch nach dem Krieg.
Der Sohn wurde zur Arbeit in der Wäscherei Welscher in der Bodelschwinghstraße im Vorderen Westen verpflichtet, die ihn als „Hilfsarbeiter“ mit lediglich 34 Pfennigen in der Stunde entlohnte. Vater Berthold arbeitete von 1941 bis 1943 bei der Gärtnerei Wennmacher & Sohn für einen Stundenlohn von 59 Pfennigen, danach für das Tiefbauamt der Stadt, wiederum als Erdarbeiter, für 54 Pfennige die Stunde. Während seiner Arbeit für die Stadt wurde er mehrfach krank geschrieben. Sein Anwalt schreibt dazu im Entschädigungsverfahren: „Es ergibt sich weiter, dass Berthold Nordschild, der solchen schweren körperlichen Arbeiten gar nicht gewachsen war, 1941 auch gezwungen wurde, Erdarbeiten zu leisten, obwohl er mit Rücksicht auf sein Alter (58 Jahre alt) und die Ungewohntheit, solche schweren körperlichen Arbeiten zu leisten, gerade unter dieser Belastung gelitten hat. (…) In dieser Zeit ist ein Jude sicherlich nur dann krank geschrieben worden, wenn er wirklich auch ganz ernsthaft krank war.“

Im Alter von 66 Jahren erlag Berthold Nordschild bereits zwei Jahre nach dem Krieg, im Juni 1948, Herz- und Gehirnerkrankungen, die auf Jahre der Verfolgung, der Zwangsarbeit und Inhaftierung im Lager Wartekuppe zurückzuführen waren. Ein Rentenanspruch musste mühsam und langwierig erklagt werden, nachdem ihn der Regierungspräsident zunächst nicht anerkannt hatte: „Obwohl ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der politischen Verfolgung und der Schädigung im Sinne einer richtunggebenden Verschlimmerung des Herzleidens ärztlicherseits bejaht wird, lässt sich mit Sicherheit heute nicht feststellen, inwieweit die nach 1945 eingetretene Verschlechterung des Gesundheitszustandes zu einer unmittelbaren Verkürzung des Lebens führte, zumal der Verstorbene bei seinem Ableben im 67. Lebensjahr stand.“
Julius Schuster
Ein ähnliches Schicksal erlitt der als Handelsvertreter arbeitende Kaufmann Julius Schuster, der gleichfalls mit einer nichtjüdischen Frau verheiratet war und lange Zeit in der Parkstraße wohnte. Einen Tag nach dem Luftangriff des 22. Oktober wurden er und seine Frau Frieda in das Haus des Arztes Dr. Paul Hofmann (siehe unten) in der Kölnischen Straße 181 eingewiesen, aber am 1. August 1944 dann in die „Judenbaracke“ auf der Wartekuppe gezwungen. Julius Schuster hatte bei verschiedenen Unternehmen Zwangsarbeit zu leisten, unter anderem bei einem Bauunternehmen. An seinem wie auch anderen Beispielen wird deutlich, dass die konkreten Bedingungen, unter denen Juden Zwangsarbeit leisteten, abhängig waren vom Verhalten ihrer unmittelbaren Vorgesetzten an der Arbeit. Frieda Schuster erinnerte sich in einem Gespräch 1982, dass ihr Mann mitunter Glück hatte: „Stellen Sie sich mal vor, Sie müssen von morgens bis abends Gräben ausheben und haben nie so eine Arbeit gemacht. Wir haben nie einen Garten gehabt. Das war furchtbar, wie der zuerst verzweifelt war. Nachher hatte er dann so einen Schachtmeister, der gesehen hatte, dass er nicht so konnte und der ihn dann dazu genommen hat, dass er das Frühstück holen musste und Kaffee gekocht hat und so. Dass er dann mal ein paar Stunden Ruhe hatte und so überhaupt durchhalten konnte." (Prinz, S. 221)
Ganz gegenteilige, schlechte Erfahrungen machte Siegfried Samson bei einer Kasseler Schrotthandlung. In seinem Entschädigungsverfahren nach dem Krieg berichtete er: „Zur gleichen Zeit (1941) wurde ich als Zwangsarbeiter mit Schwerstarbeit (Schrottverladung usw.) als fast 60jähriger eingesetzt. Der Platzmeister war ein wütender Nazi, welcher beim Schleppen zentnerschwerer Lasten mit Eisenstücken nach mir warf und mich, mit gleichen Lasten bepackt, die Treppen hinauf stieß, beim Erklettern hoher Güterwagen mit Eisenstangen nachhalf, und wenn es seiner Meinung nach nicht schnell genug ging, mir Sabotage vorwarf, und dauernd mit der Meldung bei der Gestapo zur Hand war.“ (zit. nach Prinz, S. 221) Sein Leidensgenosse Dr. Paul Hofmann befürchtete damals, dass Siegfried Samson diese Torturen nicht überstehen würde.

Dr. Paul Hofmann und sein Sohn Peter
Der 1886 geborene Chirurg und Orthopäde Dr. Paul Hofmann, der im eigenen Haus in der Kölnischen Straße 181 wohnte, war seit 1933 in seiner ärztlichen Tätigkeit eingeschränkt worden, die ihm mit dem Entzug der Approbation im September 1938 ganz untersagt wurde. Im Zuge der Novemberpogrome wurde er zwei Monate später drei Wochen lang im KZ Buchenwald inhaftiert.
Paul Hofmann hatte sich 1914 kurz vor der Heirat mit seiner nichtjüdischen Frau Margarete taufen lassen. Vor der Deportation war er so geschützt, nicht jedoch vor Zwangsarbeit. Seit dem 1. September 1941 war der Arzt (zusammen mit Polen und Russen) zur Arbeit bei der Rohproduktenhandlung Gollup am Unterstadtbahnhof verpflichtet und schreibt darüber im Entschädigungsverfahren: „Körperlich schwerste und schmutzigste Arbeit, hauptsächlich Pressen und Verladen von Altpapier und Lumpen in 2 Zentner schweren Ballen, Laden und Entladen von Eisenschrott in und aus Eisenbahnwaggons; einmal 20 Tonnen schwerer Eisenteile innerhalb 8 Stunden entladen, Laden und Entladen verfaulter Knochen in einem von Ratten wimmelnden Schuppen.“ Er berichtet von Arbeiten (und gleichfalls Pausen) bei bis zu 25° Kälte und vor allem auch von Schikanen und Quälereien. Nicht nur in dieser Firma unterschied sich die Arbeitswelt der jüdischen Zwangsarbeiter erheblich von derjenigen der regulären Arbeitskräfte. „Wir rangierten auf dem Platz unter den polnischen Gefangenen.“ Der damalige Lagerist bescheinigte nach dem Krieg: „Was Herrn Dr. Hofmann am meisten zermürbt hat, waren die jämmerlichen Schikanen des damaligen Lagermeisters, eines fanatischen Nazis, namens Brix. Diesem war Dr. Hofmann als Jude und Arzt ein besonderer Dorn im Auge, somit wurde er an die schwersten und schmutzigsten Arbeiten gestellt und dabei noch nach allen Regeln schikaniert. (…) Auf seinen geschwächten Körper wurde keine Rücksicht genommen.“ Unter diesen Umständen war es kein Wunder, dass sich Paul Hofmann 1942 innerhalb von 5 Monaten zwei schwere Lungenentzündungen zuzog und von Oktober 1942 bis Januar 1943 arbeitsunfähig war. Siegfried Samson, der zusammen mit Paul Hofmann dort Zwangsarbeit leistete und die gleichen Erfahrungen machen musste, schreibt dazu: „Bei Krankmeldung drohte dieses Untier Brix: Wen dein Arzt dich krankschreibt, melde ich euch zwei Judenschweine sofort bei der Gestapo.“ Das war die Drohung mit der Deportation.
Vom Januar 1943 war Paul Hofmann dann in der Polenverkaufsstelle in der Kasernenstraße beschäftigt und hatte hier „Gelegenheit zu leichterer Beschäftigung“ .Sein Versuch, sich selbst nach dem Tod des Inhabers um eine andere Arbeitsstelle zu bemühen, führte zur Denunziation wegen Beamtenbestechung und zur Vorladung bei der Gestapo.

Seine letzte Station der Zwangsarbeit war die Wäscherei Jakob am Bleichenweg, wo er im Großen und Ganzen freundlich, mitunter aber auch gehässig behandelt wurde. In die Luftschutzräume durften er und sein Schicksalsgenosse Julius Schuster nicht, wohl aber wurden sie zur Luftschutzwache zugeteilt. Zunächst in der Wäscherei mit leichteren Arbeiten beschäftigt, überstiegen dann jedoch auch dort die schweren Wäschereiarbeiten seine Leistungsfähigkeit und führten zu Herzversagen und seit Mitte Februar erneuter Arbeitsunfähigkeit. Nur wenige Tage vor dem Kriegsende in Kassel erlebte er die Zerstörung seines Hauses durch einen Bombenangriff und konnte erst 1948 dorthin zurückkehren, nachdem er seit 1947 seinen Praxisbetrieb wieder aufgenommen hatte.
Paul Hofmann starb am 19.5. 1961. Im August 1949 hatte ihm das Hessische Innenministerium die Ausstellung eines „Roten Sonderausweises“ für Verfolgte verweigert, „da nach Ansicht des Herrn Ministers die nachgewiesene Verfolgung die Ausstellung eines Ausweises nicht rechtfertige. Sein weit über zehn Jahre verfolgter Antrag im Entschädigungsverfahren, seine gesundheitlichen Probleme in der Nachkriegszeit auf die erlittene Zwangsarbeit zurückzuführen, war gleichfalls erfolglos geblieben. Da er „zu lange“ nach dem Krieg noch lebte, nahmen die Behörden an, dass seine gesundheitlichen Probleme dem Alter und nicht der Verfolgung durch KZ-Haft oder Zwangsarbeit geschuldet seien.
Paul Hofmanns jüngster Sohn Peter hatte 1943 an der Wilhelmsschule das Abitur ablegen können und danach eine Lehre begonnen, die im November 1944 unterbrochen wurde, als er zur Zwangsarbeit für die Organisation Todt (OT) einberufen wurde. Das war die Folge eines 1943 begonnenen, aber nur schleppend vorangehenden Vorhabens zum Einsatz der „Mischlinge ersten Grades“, das die Gestapo auf Befehl Heinrich Himmlers erst seit Oktober 1944 zum Abschluss brachte, indem sie alle männlichen Betroffenen auch aus den Betrieben herauszog, die zuvor nicht willens waren, ihre Arbeitskräfte abzugeben. Auf Befehl der Gestapo kam Peter Hofmann in das Lager Bähr der OT, einer paramilitärischen Bautruppe, die seit 1943 im Reichsgebiet vor allem mit dem Bau von Luftschutzanlagen befasst war und im großen Umfang Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge einsetzte. Das Lager Bähr wurde im dritten Stock der Salzmann-Fabrik in Bettenhausen in einer leeren 100 x 30 Meter großen Werkshalle eingerichtet, in der doppelstöckige Etagenbetten aufgestellt wurden -beheizt von nur einem einzigen Kohleofen. Auf der gleichen Etage waren 100 polnische Frauen und Männer, ebenfalls Zwangsarbeiter im Dienst der OT unter äußerst schlechten sanitären und hygienischen Verhältnissen untergebracht. Die Arbeiter wurden zunächst im Bunker- und Stollenbau, später auch bei Aufräumungsarbeiten von Trümmerschutt im Stadtgebiet eingesetzt. Für die geleisteten Arbeitsstunden wurde der Lohn für Bauhilfsarbeiter (zwischen 0,71 und 0,73 RM) gezahlt.
Peter Hofmann beschrieb das Gebäude später als ausgebrannt und erinnerte sich an „lausiges“ Essen und vor allem eine Flohplage, der er kaum Herr werden konnte. „Mit uns waren etwa 40 halbjüdische Männer - ich glaube, ich war der jüngste - Männer aus Holland, polnische Mädchen und im Stockwerk unter uns ehemalige italienische Soldaten. (...) Gegenüber von uns waren russische Kriegsgefangene, die von deutschen Soldaten bewacht wurden.“ Ohne Bewachung fuhr er mit anderen Zwangsarbeitern – wie es in seiner „Life Story“ heißt – mit der Straßenbahn in den Westen der Stadt, wo sie am Bau eines Luftschutzstollens arbeiteten. Nach einem Dokument aus der Nachkriegszeit war er dabei offenkundig bei der Baufirma Gerdum u. Breuer beschäftigt. Peter gelang es, mit leichteren Arbeiten betraut zu werden, für die ihn seine Ausbildung befähigte. Die Zwangsarbeit endete für ihn im März 1945: Kurz vor dem Kriegsende in Kassel schickte ihn der Leiter des Lager Bährs wieder zu seinem Arbeitgeber zurück. Im gleichen Monat zerstörten noch Luftangriffe, die den benachbarten Bahnlagen galten, das Haus der Familie am Tannenwäldchen. In seiner „Life Story“ gibt Peter Hofmann der Überzeugung Ausdruck, dass nur die rechtzeitige militärische Niederlage Deutschlands verhinderte, dass Menschen seiner Herkunft deportiert und ermordet wurden, so dass sein Vater und er überleben durften. In der Tat sollte das Lager Bähr aufgelöst und nach Sachsen verbracht werden, was an den schwierigen Verkehrsverhältnissen scheiterte. Peter blieb eine Deportation, wie sie „Mischlinge“ in anderen Städten erleiden mussten, erspart. 1947 emigrierte er in die USA.


In den Suizid getrieben – Der Arzt Dr. Felix Blumenfeld
Felix Blumenfeld, der von 1905 bis 1932 in der Querallee 38 wohnte, war ein sowohl sozial als auch gesellschaftlich, kulturell und humanitär engagierter Bürger der Stadt. Er war Mitglied einer Freimaurer-Loge, vertrat vier Jahre lang die DDP in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung, gehörte verschiedenen Kasseler Vereinen an und war zudem in der jüdischen Gemeinde aktiv. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde ihm bereits am 1. April 1933 die Leitung des Kinderkrankenhauses durch den Krankenhausträger, den Evangelischen Frauenbund, entzogen, an dessen Gründung er maßgeblich beteiligt gewesen war. Er erhielt Berufsverbot und musste seine Wohnung und die Praxis in der Königstraße aufgeben. Seine umfangreiche Bibliothek und sein Vermögen wurden beschlagnahmt. Da seine zweite Frau keine Jüdin war, blieb Dr. Blumenfeld vorerst noch die Möglichkeit, sein „Sommerhaus“ in der Fürstenstraße 21 (heute Hugo-Preuss-Straße 35) zu bewohnen. Er wurde aber bald zu Hilfsdiensten und Straßenbauarbeiten gezwungen, musste als Lumpen- und Schrottsammler auf dem städtischen Schuttabladeplatz am Graß arbeiten und war ständigen Diskriminierungen und Überwachungsmaßnahmen der Gestapo ausgesetzt.
Die Stadtverordnete Elisabeth Selbert schilderte 1947 in einer Sitzung der Stadtverordnetenversammlung die brutale Diskriminierung des äußerst angesehenen Bürgers der Stadt: „Ich erinnere mich noch der Tage, an denen Dr. Blumenfeld auf der Hohenzollernstraße mit dem Besen einhergehen musste und die Stadt kehren. Ich muss sagen, das ist einer der beschämendsten Tage gewesen, die ich je erlebt habe. Ich habe einige Jahre später etwa mit Dr. Blumenfeld hier in Kassel noch einmal sprechen dürfen und ich weiß, wie er unter diesen entsetzlichen Dingen gelitten hat.“ Wie sehr Felix Blumenfeld unter der Zwangsarbeit litt, macht sein Abschiedsbrief an seine Kinder deutlich, in dem es unter anderem heißt: „Seit September [1941] arbeite ich als Hilfsarbeiter bei dem Tiefbauamt. Jeden Tag 12 Stunden unterwegs. Vor wenigen Tagen bin ich zum Reinigungsamt kommandiert und soll hinter dem Zuchthaus in Wehlheiden, wo die Müllberge sind, den Müll, den die Fuhrwerke fortlaufend entladen, sortieren. Bei dieser Kälte ! Und überhaupt ! Das kann ich nicht, und will ich nicht. Ganz abgesehen davon, daß meine Kräfte nicht mehr ausreichen, und ich bin am ersten Tag gleich zusammengeklappt. Nun bin ich krank geschrieben. Aber danach fängt die Quälerei doch wieder an"

Am 25. Januar 1942 beging Felix Blumenfeld Freitod, um der Deportation zu entgehen und auch um seine Frau vor weiteren Repressalien zu schützen. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, dass das Leben für ihn "nicht mehr tragbar" sei und dass es für ihn deshalb nur eine Konsequenz gebe: “Ich gehe deshalb aus dieser Welt der Gemeinheit, Niedertracht und Unmenschlichkeit, um einzuziehen in den ewigen Frieden und den Pfad suchend, der aus dem Dunkeln zum Licht führt.“
Quellen und Literatur
- Wolfgang Matthäus, Kaiserstraße 13. Geschichten vom jüdischen Leben und seiner Zerstörung im Vorderen Westen, in Kassel und der Region, Kassel 2014
- Wolfgang Prinz, Die Judenverfolgung in Kassel, in: Wilhelm Frenz / Jörg Kammler / Dietfrid Krause-Vilmar, Volksgemeinschaft und Volksfeinde, Bd.2, Fuldabrück 1987
- Jörg Westerburg, Dr. Felix Blumenfeld. Kinderarzt, Philanthrop, Demokrat, Freimaurer, Leipzig 2025
- Abschiedsbrief von Felix Blumenfeld
- Protokoll der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom 31.1.1947 (StadtA Kassel A.0 1322)

