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Felix Blumenfeld

Von 1905 bis 1932 lebte der sozial und politisch besonders engagierte Kinderarzt Dr. Felix Blumenfeld in der Querallee 38. Die nationalsozialistische Judenverfolgung trieb ihn in den Tod.

Felix Blumenfeld wurde am 2.5.1873 in Gießen geboren, wo er - früh verwaist - bis zum Abitur bei seiner Tante aufwuchs. Er studierte in Marburg und München Medizin, arbeitete zuerst als Schiffsarzt, dann als Volontärassistent in Berlin, bevor er sich im Jahr 1901 als Kinderarzt mit einer Praxis in Kassel niederließ. Die besonders hohe Säuglingssterblichkeit der Kinder armer Eltern veranlasste ihn dazu, seine Stellung als Arzt zu nutzen und sich sozial zu engagieren. Er gab 1903 die Anregung zur Errichtung einer Milchküche, in der hygienisch einwandfreie Milch-Getreide-Gemische hergestellt und in einem Pfandflaschensystem verkauft, bzw. an Mittellose kostenlos abgegeben wurden. Diese Milchküche wurde zum Vorbild für viele andere Städte, weshalb später viele Leiter auswärtiger Einrichtungen häufig zur Ausbildung nach Kassel geschickt wurden. 1906 war Dr. Blumenfeld einer der Initiatoren zur Gründung eines Kinder- und Säuglingsheimes des deutschen evangelischen Frauenbundes, in dem Kinder von alleinerziehenden Müttern aufgenommen wurden. Blumenfeld übernahm vorerst ehrenamtlich deren ärztliche Betreuung. Nachdem das Heim mit 10 Plätzen in kürzester Zeit aus allen Nähten platzte, veranlasste der ev. Frauenbund 1909 einen Neubau in der Frankfurter Straße 167 am Park Schönfeld mit 80 Betten. Blumenfeld arbeitete dort neben seiner Praxistätigkeit als ärztlicher Leiter und als sich aus dem Kinderheim ein Kinderkrankenhaus entwickelte, als dessen erster Chefarzt.

Blumenfeld war ein sowohl sozial als auch gesellschaftlich, kulturell und humanitär engagierter Bürger der Stadt Kassel. Er war Mitglied in zwei Freimaurer-Logen, vertrat 4 Jahre lang die DDP in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung, war Mitglied in verschiedenen Kasseler Vereinen und zudem in der jüdischen Gemeinde aktiv. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde ihm bereits am 1.April 1933 die Leitung des Kinderkrankenhauses entzogen, er erhielt Berufsverbot und musste seine Wohnung und die Praxis in der Königstraße im Nahlschen Haus aufgeben. Seine umfangreiche Bibliothek und sein Vermögen wurden beschlagnahmt. Dadurch, dass seine zweite Frau keine Jüdin war, blieb Dr. Blumenfeld vorerst noch die Möglichkeit, sein „Sommerhaus“ in der Fürstenstraße 21 (heute Hugo-Preuss-Straße 35) zu bewohnen. Er wurde aber bald zu Hilfsdiensten und Straßenbauarbeiten gezwungen, musste als Lumpen- und Schrottsammler auf dem städtischen Schuttabladeplatz am Graß arbeiten und war ständigen Diskriminierungen und Überwachungsmaßnahmen der Gestapo ausgesetzt.

Die Stadtverordnete Elisabeth Selbert schilderte 1947 in einer Sitzung der Stadtverordnetenversammlung die brutale Diskriminierung des äußerst angesehenen Bürgers der Stadt: „Ich erinnere mich noch der Tage, an denen Dr. Blumenfeld auf der Hohenzollernstraße mit dem Besen einhergehen musste und die Stadt kehren. Ich muss sagen, das ist einer der beschämendsten Tage gewesen, die ich je erlebt habe. Ich habe einige Jahre später etwa mit Dr. Blumenfeld hier in Kassel noch einmal sprechen dürfen und ich weiß, wie er unter diesen entsetzlichen Dingen gelitten hat.“ Wie sehr Felix Blumenfeld litt, macht sein Abschiedsbrief an seine Kinder deutlich, in dem es unter anderem heißt: „Seit September [1941] arbeite ich als Hilfsarbeiter bei dem Tiefbauamt. Jeden Tag 12 Stunden unterwegs. Vor wenigen Tagen bin ich zum Reinigungsamt kommandiert und soll hinter dem Zuchthaus in Wehlheiden, wo die Müllberge sind, den Müll, den die Fuhrwerke fortlaufend entladen, sortieren. Bei dieser Kälte ! Und überhaupt ! Das kann ich nicht, und will ich nicht. Ganz abgesehen davon, daß meine Kräfte nicht mehr ausreichen, und ich bin am ersten Tag gleich zusammengeklappt. Nun bin ich krank geschrieben. Aber danach fängt die Quälerei doch wieder an."

Die beiden Söhne Gerd und Edgar konnten 1938 das Land verlassen, sie haben den Krieg in den USA überlebt und dort den Namen Bloomfield angenommen. Felix Blumenfeld gehörte sicher der Generation an, die bis zuletzt sich nicht von ihrer geliebten Heimat lösen wollten und auch nicht glauben konnten, dass die Menschen so schlecht sein konnten. Am 25. Januar 1942 beging Felix Blumenfeld Freitod, um der Deportation zu entgehen und auch um seine Frau vor weiteren Repressalien zu schützen. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, dass das Leben für ihn "nicht mehr tragbar" sei und dass es für ihn deshalb nur eine Konsequenz gebe: “Ich gehe deshalb aus dieser Welt der Gemeinheit, Niedertracht und Unmenschlichkeit, um einzuziehen in den ewigen Frieden und den Pfad suchend, der aus dem Dunkeln zum Licht führt.“

Quellen

Abschiedsbrief von Felix Blumenfeld (Archiv Stolpersteine in Kassel e. V.)

Webseite von „Stolpersteine in Kassel e. V.“ (http://stolpersteine.jimdo.com/biografien/dr-felix-blumenfeld/ ) (ergänzt von Wolfgang Matthäus)

Protokoll der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom 31.1.1947 (StadtA Kassel A.0 1322)