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Donnerstag, 19.07.2018
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Herbert Lewandowski (Lee van Dowski)

Hohenzollernstraße Ecke Annastraße - hier verbrachte Herbert Lewandowski seine Kindheit (Stadtarchiv)
Das Ehepaar im Exil in Paris
Titelseite des 1946 erschienenen Tagebuchs eines Internierten
Signiertes Exemplar des Tagebuchs in der Murhard'schen Bibliothek
Herbert Lewandowski in Genf mit einer Büste seiner früh verstorbenen Schwester und seinem Buch über Paul Gauguin
Lee van Dovski um 1980
 
 
Schriftsteller, Verleger, Literaturwissenschaftlicher, Sexualforscher, Kulturwissenschaftler
1896-1996
Pseudonyme: C. M. H. Léwan-Dovski, Herbert C. M. Lewandowski, Lee Van Dovski, Lee van Dowski, Kaspar Hauser, Emmy Grant
 
 
Der weltweit bekannte Schriftsteller verbrachte Kindheit und Jugend zunächst in der Hohenzollernstraße 66 (Friedrich-Ebert-Straße), von 1911 bis zum Ersten Weltkrieg in der Hohenzollernstraße 88. Auch danach war er mehrfach bei seinen Eltern in der Hohenzollernstraße.
 
 
Herbert Lewandowski war einer von drei Söhnen des jüdischen Kaufmanns Jakob Lewandowski und seiner Frau Lina (Caroline) geb. Mecca. Eine Schwester starb im Kindesalter.
Mit sechs Jahren schickten ihn seine Eltern auf ein privates Progymnasium in der Wolfsschlucht, wo ihn sein Vater auch am christlichen Religionsunterricht teilnehmen ließ, danach auf das Friedrichsgymnasium.
Hier unternahm er als Schüler seinen ersten literarischen Versuch. 1909 schrieb er „Das Märchen vom Monde“, in dem er bereits vieles von dem anklingen ließ, was später sein Werk prägen sollte. Das Märchen erschien zu Weihnachten 1919 im Casseler Tageblatt und wurde ein Jahr später von Vietor in Kassel gedruckt. Der Jugendliche liebte das Deutschland der Dichter und Künstler, sah aber in der preußischen Provinzhauptstadt daneben „eine Welt näselnder, monokeltragender und säbelklirrender Offiziere und mit hohen Stehkragen gezierter preußischer Beamter“, die ihm „von Kind auf verhasst waren.“ In seinem „Tagebuch eines Internierten“ notierte er 1942, dass „sich alles in mir gegen das menschenverachtende, anti-humanitäre, größenwahnsinnige Preußentum (empörte), und es gab schon auf der Schule manchen Konflikt für mich - etwa, wenn ich mich am Sedantage weigerte, ein hurrapatriotisches Gedicht zu deklamieren.“
Mit dem Notabitur 1914 kam Herbert Lewandowski zum Militär und lernte die Brutalität des Krieges kennen. „Die Welt, noch sonnig eben, sank plötzlich mir in höllenschwarze Nacht“ heißt es in seinem Gedicht „Lebensbeichte“. Nach Einsätzen beim Train in Polen, Russland, Serbien und Mazedonien hatte er das Glück, 1917 in Bukarest zur Filmabteilung der Zensurstelle bei der Militärverwaltung in Rumänien versetzt zu werden. Die Bukarester Zeit bedeutete für ihn „anderthalbe Glückesjahre“, in denen er auch für Zeitungen schrieb, Novellen verfasste und ein erstes Konzert mit eigenen Liedern stattfand.
Aus dem Krieg zurückgekehrt, studierte Herbert Lewandowski in Berlin Germanistik, arbeitete aber gleichzeitig auch für frühe Filmzeitschriften als Kritiker und zeitweise Chefredakteur sowie als Dramaturg für eine Filmgesellschaft. Er lernte bedeutende Regisseure der damaligen Zeit kennen, arbeitete zum Beispiel mit Fritz Lang zusammen. Das Studium beendete er 1923 an der Universität Bonn, wo er mit seiner Dissertation über Lyrik promoviert wurde.
Noch im gleichen Jahr, auf dem Höhepunkt der Inflation, wanderte Herbert Lewandowski nach Utrecht in den Niederlanden aus. „Seit sich der ‚Friedenskaiser‘ Wilhelm II. über Nacht in einen ‚Kriegskaiser‘ verwandelt und den Weltkrieg Nr. 1 entfacht hatte, war mir das Land meiner Geburt verleidet“, schrieb er dazu später. Sicherlich fühlte er sich in Deutschland eingeengt. Mit seiner Ambition, Sexualität in der Literatur nicht mehr auszuklammern, beging er für die damalige Zeit Tabubrüche, so dass seine unter dem Titel „Die unsittlichen Novellen des Georg Silmen“ 1920 veröffentlichten Texte aus der Bukarester Zeit von einem Staatsanwalt  beschlagnahmt wurden. Lange Zeit, bevor es für einen Juden in Deutschland existenziell bedrohlich wurde, zog es ihn in die aus seiner Sicht wahrscheinlich liberaleren Niederlande – „nicht ohne meiner Berliner Braut versprochen zu haben, dass sie bald nachkommen könne.“
1924 heiratete er die Christin Martha Berkowski. Eine Liebesheirat, die im Gegensatz zu den Erwartungen seiner Eltern stand, die traditionell eine Braut aus ihren Kreisen mit Mitgift im Auge hatten.
In Holland lebte die Familie, zu der inzwischen zwei Kinder gehörten, vom Buch- und Briefmarkenhandel und vor allem von den Einnahmen aus dem Berliner Pfeil-Verlag, den Herbert Lewandowski bereits 1922 erworben hatte und für den er seit 1927 intensiv tätig war. Im eigenen Verlag erschien von ihm 1928 zum  Beispiel „Das Tagebuch des Kaspar Hauser“, das von Thomas Mann und anderen bedeutenden Schriftstellern mit denen er verbunden war, gelobt wurde. Aus dem Literaten entwickelte sich in den Niederlanden der Sexualreformer, der das ihn umtreibende Thema der Sexualität nun auch wissenschaftlich bearbeitete. In enger Zusammenarbeit mit Magnus Hirschfeld hielt er Vorträge, publizierte und bereitete mehrere Kongresse der „Weltliga für Sexualreform“ vor.
Auch wenn Herbert Lewandowski in Utrecht lebte, wirkte sich für ihn die Machtergreifung verheerend aus. Sein Buch „Das Sexualproblem in der modernen Kunst und Literatur“ wurde ein Opfer der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933. Die Rücknahme des damit verbundenen Publikationsverbotes versuchte er noch durch eine persönliche Vorsprache bei der Reichskulturkammer in Berlin – natürlich vergeblich – zu erreichen. Lewandowski blieb ein verbotener Schriftsteller. Die Beschlagnahme seines Verlages 1935 gefährdete die Existenz des Literaten, der jetzt nur noch als Lee van Dovski (oder Dowski) und in den Jahren der NS-Herrschaft nicht mehr auf Deutsch schrieb und als Autor weitgehend verstummte.
In den Niederlanden wurde es für die Emigrantenfamilie „ungemütlich“, wie es in der „Lebensbeichte“ heißt. In dem vermeintlich liberalen Land suchte die Polizei Herbert Lewandowski auf, weil man in seinen Büchern anstößige Bilder entdeckt habe. Ausweg schien die Flucht nach Frankreich zu sein, die die Familie unter Zurücklassung von fast allem, was sie besaß, 1937 nach Paris führte, wo Herbert Lewandowski auf führende Köpfe der Emigration traf und die Familie mühsam mit einem Briefmarkenhandel ernährte. Mit Kriegsausbruch 1939 und dann wieder beim Überfall Deutschlands auf Frankreich war Herbert Lewandowski lange Zeit in mehreren Lagern interniert, und die Emigrantenfamilie floh 1941 erneut in das unbesetzte Frankreich nach Lyon. Nachdem die Juden auch im unbesetzten Frankreich von der Deportation und damit der Ermordung bedroht waren, floh Herbert Lewandowski, diesmal allein, auf abenteuerlichem Weg in die Schweiz.
Für den Rest seines Lebens sollte ihm Genf seine Heimat sein, auch wenn er in der Schweiz zunächst jahrelang - auch noch nach dem Kriegsende - wiederum interniert war. In der Internierungszeit begann er wieder intensiv zu schreiben. Das „Schweizer Tagebuch eines Internierten“ entstand ebenso wie seine Utopie „Eine Reise ins Jahr 3000“. Die 50er Jahre in der Schweiz waren für den Emigranten als „freier Schriftsteller“ die vielleicht produktivste Phase. Unter anderem entstand sein mehrbändiges Werk „Genie und Eros“, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde und in dem er auch an den Kasseler Juden, Schriftsteller und Kommunisten Kurt Finkenstein erinnert, den die Nationalsozialisten ermordet hatten. Literarische Erfolge zahlten sich materiell aber kaum aus. 1950 bezeichnete er sich als „vollkommen mittellos“ und „noch nicht in das Wirtschaftsleben eingereiht“. Das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Genf bescheinigte ihm noch 1955: „Es steht fest, dass selbst bei einer Unterstützung durch die Caritas (sfrs. 150.- bis 180.- monatlich) die wirtschaftlichen Verhältnisse des Herrn Lewandowski äußerst angespannt sind, da er somit das monatliche Existenzminimum des hiesigen Kantons nicht erreicht.“  1966 in der Schweiz eingebürgert, nahm Herbert Lewandowski an internationalen Kongressen des PEN teil und gründete die Exilschriftstellergruppe „Eros-Kreis“.
Nach Deutschland dauerhaft zurückzukehren, kam für ihn nie in Frage. Gleichwohl besuchte er seine Heimatstadt oft – nicht zuletzt auf Grund einer Freundschaft mit dem Schriftstellerehepaar Brückner-Kühner. Eine Freundschaft, die sie auch auf den jüdischen Friedhof führte im Gedenken an den ermordeten Bruder Wolfgang und die ermordete Mutter. Beide waren vor der Verfolgung in die Niederlande geflohen, dort aber verhaftet, deportiert und in Auschwitz bzw. Sobibor 1943 ermordet worden. Dagegen war es dem Bruder Paul 1937 gelungen, in die USA zu fliehen.
Herbert Lewandowski starb wenige Tage vor seinem 100. Geburtstag in Genf. Christine Brücker setzte dem in seiner Heimatstadt lange vergessenen Schriftsteller mit der Erzählung „Lewan, sieh zu!“ in ihren ‚Überlebensgeschichten‘ ein literarisches Denkmal.
 
Eine fast vollständige Dokumentation seines unfangreichen literarischen Schaffens, das an dieser Stelle nicht gewürdigt werden kann, findet sich im Lexikon deutsch-jüdischer Autoren (Band 15, München 2007, S. 411-424). Seinen Nachlass bewahren Archive in mehreren Ländern.
 
Werke (Auswahl)
 
·         Das Märchen vom Monde. C. Vietor, Kassel 1920
·         Die unsittlichen Novellen des Georg Silmen. Franz Zimmermann, Chemnitz 1920
·         Die Nächte von Monastir. Verlag Deutsche Volksbuchhandlung, Berlin 1921
·         Das Tagebuch Kaspar Hausers. Eine Gabe für einsame Menschen. Pfeil-Verlag, Berlin-Leipzig-Utrecht 1927
·         Das Sexualproblem in der modernen Literatur und Kunst. Versuch einer Analyse und Psychopathologie des künstlerischen Schaffens und der Kulturentwicklung seit 1800. Paul Aretz Verlag, Dresden 1927
·         Schweizer Tagebuch eines Internierten. 1946
·         Genie und Eros. Erste Folge. Delphi-Verlag, Olten und Bern 1947
·         Admiral Byrd und die Erforschung des Südpols 1928–1947. Delphi-Verlag, Olten und Bern 1947
·         Paul Gauguin, der Meister von Tahiti. Amerbach-Verlag, Basel 1947
·         Paul Gauguin oder Die Flucht vor der Zivilisation. Limes-Verlag, Wiesbaden 1948
·         Genie und Eros. Neue Folge. Delphi-Verlag, Olten und Bern 1949
·         Aus den Memoiren eines Hochstaplers. Der Bund, Bern 1950
·         Eine Reise ins Jahr 3000. Bericht eines phantastischen Abenteuers. Delphi-Verlag, Zürich 1951
·         Ein Leben für Afrika. Das abenteuerliche Schicksal von Werner Munzinger Pascha. Thomas-Verlag, Zürich 1954
·         Ferne Länder – fremde Sitten. Eine Einführung in die vergleichende Sexualethnologie. Hans E. Günther Verlag, Stuttgart 1958
·         Sittengeschichte der Pariserin. Hans E. Günther Verlag, Stuttgart 1962
·         Römische Sittengeschichte. Hans E. Günther Verlag, Stuttgart 1964
·         Persönliche Erinnerungen an Thomas Mann und Hermann Hesse. Mit unveröffentlichten Briefen beider Dichter. J. G. Bläschke Verlag, Darmstadt 1970
·         Die Wahrheit über Gauguin. J. G. Bläschke Verlag, Darmstadt 1973
·         Magere Ernte. Eigenverlag, Genf 1976 (Gedichte)
·         Venezianische Gedichte: als Gruss für einige Freunde. Eigenverlag, Genf 1979
·         Abschiedsgruss. Erzählungen. J. G. Bläschke, St. Michael 1983
 
 
Quellen und Literatur
 
Stadtarchiv Kassel: Entschädigungsakten
HHStAW: Entschädigungsakten
Geschichtswerkstatt am Friedrichgymnasium: Herbert Lewandowski - Lee van Dovski. Festschrift zum 92. Geburtstag, hg. von Peter Adamski, Kassel 1988
Herbert Lewandowski, der vergessene Emigrant, Stadtzeitung November 1988
Lee van Dovski (Herbert Lewandowski): Kindheitstage in Kassel oder Traum und Trübsal in der Wolfsschlucht, in: ders., Abschiedsgruß. Darmstadt 1983
ders.: Schweizer Tagebuch eines Internierten, Spiez 1946
Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Redaktionelle Leitung: Renate Heuer, München 2007
Matthäus, Wolfgang: Kaiserstraße 13, Kassel 2014
Schramm-Itzehoe, Werner: Im Malstrom der Zeit. Eine Darstellung des dichterischen Lebenswerks von Lee van Dovski, Darmstadt 1967
 
Weblinks
 
 
 
 
 
 
 
Wolfgang Matthäus
 
 
 
[letzte Aktualisierung: 19.12.2017]