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Sonntag, 18.11.2018
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Max Nehrdich

 

Fotograf

 
Wohnung und Atelier von 1907-1959 in der Reginastraße 2 (Ecke Querallee)
 
 
(Foto: Stadtmuseum Kassel)
Max Nehrdich wurde 1880 in Eisenach geboren und kam nach der Absolvierung einer Fotografenlehre mit 22 Jahren nach Kassel, wo er zunächst bei dem Fotografen Becker arbeitete, ehe er 1907 in der Reginastraße 2 / Ecke Querallee eine eigene „Werkstatt für künstlerische Photographie“ einrichtete, neben der er auch wohnte. Die Adressbücher verzeichnen den "küstlerischen Photographen" spätestens seit 1920 auch als Besitzer des Hauses, in dem sich noch heute ein Fotostudio befindet.
Nehrdichs Wohnung (Stadtmsueum)
Nehrdichs Wohnung (Stadtmuseum)
 
Mit seinen stilisierten Porträts, die Menschen künstlerisch nachzeichneten, betrat Nehrdich zu seiner Zeit Neuland. Sie brachten ihm Einladungen zu zahlreichen Ausstellungen ein: unter anderem in Dessau, München, Leipzig, Weimar oder Frankfurt. Zahlreiche Preise zeichneten seine fotografischen Leistungen in der Kunst und Stilfotografie im Laufe der Zeit aus. Nehrdichs Opens external link in new windowGummidruckporträts "gehören zu den überzeugendsten Leistungen der Porträtfotografie in Kassel überhaupt“, schreibt Wolfgang Kemp (S. 42). Zu den von ihm Opens external link in new windowFotografierten gehörten nicht wenige international Prominente: so unter anderem Hans Albers, Königin Elena von Italien, Richard Strauß oder Asta Nielsen. 
Zwei Porträts von Max Nehrdich (aus: Kemp / Neusüss, S. 43)
Seit 1913 arbeitete Nehrdich für das Theater in Kassel. "Meine Arbeit als Bühnenfograf erfüllt mich mit großer Leidenschaft und Besessenheit, weil sie mir das Gesicht des Künstlers in all seinen Seelenregungen nahebringt" - so zitiert Wolfgang Hermsdorff den Fotografen. Etwa 75.000 von ihm geschaffene Fotografien hielten in 45 Jahren das Geschehen auf der und rund um die Bühne fest, von denen leider ein großer Teil im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Gleichwohl werden noch viele von ihnen heute über das Internet zum Kauf angeboten.
Nehrdichs Arbeit muss recht einträglich gewesen sein. Er hatte schon früh ein Telefon und als einer der ersten Autobesitzer der Stadt chauffierte er mitunter Prominente durch Kassel. Auch Oberbürgermeister Philipp Scheidemann soll solch einen Dienst in Anspruch genommen haben.
Nehrdich war 18 Jahre lang Innungsobermeister und hatte den Vorsitz in Prüfungskommissionen inne. Er wurde als Ehrenobermeister ausgezeichnet und erhielt die goldene Ehrennadel des Zentralverbandes.
Porträt Lisel Goldschmidts von Max Nehrdich (Archiv Wolfgang Matthäus)
Die 1934 nach Schweden emigrierte Tochter Lisel des jüdischen Rechtsanwaltes David Goldschmidt, die am Kirchweg aufwuchs, erinnert sich in ihren Opens internal link in current windowLebenserinnerungen an das erste professionelle Foto von ihr: „Ich kam mit sechs Jahren in die Schule [1922, der Verf.] und weinte dabei sehr - trotz Zuckertüte (warum, weiß ich nicht mehr). Kinder mit Zuckertüte wurden damals fotografiert, und auch ich wurde zum Fotografen (N.) geschleppt. N. war Spezialist für Kinderköpfe, und es wurde kein ,,Zuckertütenbild‘ sondern ein Meisterwerk von einem Brustbild, das überall in Kassel ausgestellt wurde, unerträglich lange, zur Verzweiflung des Fotoobjektes.
(...) Der Zufall wollte, dass ich, als ich im Sommer 1935 noch einmal zu Besuch in Kassel war, in einer Ausstellung seiner Bilder landete. Und plötzlich stand ich, tief erschreckt, der Riesenvergrößerung meines 6jährigen Ichs gegenüber; die eine ganze Wand einnahm. Dem Urbild eines ,,germanischen” Kindes, hellblond, helläugig, mit kleiner, gerader Nase (jawohl, damals hatte sich noch nicht gebogen, was ein Häkchen werden wollte ...), das mich über nackte Kinderschulter hinweg mit aufmerksamem und ernstem Blick ansah. Eigentlich hätte ich es ihm sagen sollen, dem Herrn N., aber das wäre damals unmöglich gewesen. So wie die Dinge standen, habe ich mich ganz schnell incognito wieder herausgeschlichen. Völlig absurd - und schrecklich. Noch heute kann ich nicht darüber lachen, obwohl man es eigentlich sollte.“
Max Nehrdich auf einem Gemälde von Mary Achenbach (1939 - Stadtmuseum)
 
Max Nehrdich baute nach Kriegszerstörungen sein Atelier wieder auf. Er starb 1959. Sein Sohn Rolf-Werner setzte seine Arbeit fort. Die Tradition eines Fotoateliers an der Reginastraße wahrten Joachim Klintzsch und aktuell dessen Sohn Guntram.
 
 
 
Quellen und Literatur
Stadtmuseum Kassel, Materialien der Ausstellung „Hingucker“ (2017/18)
Wolfgang Hermsdorff, Ein Blick zurück 1338 (Nehrdich und das Foto im Dienst der Kunst), in: Hessische Allgemeine vom 25.8.1990
Zum Tode des Fotografen Max Nehrdich, in: Hessische Allgemeine vom 4.11.1959
Wolfgang Kemp / Floris Neusüss (Hg.), Kassel 1850 bis heute. Fotografie in Kassel – Kassel in Fotografien, München 1981
Artikel Max Nehrdich im Opens external link in new windowRegiowiki
Lebenserinnerungen von Lisel Kahn (Archiv Wolfgang Matthäus)
[letzte Aktualisierung: 23.02.2018]